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Picture a Scientist

Podiumsdiskussion & Streaming-Event –
Eine Veranstaltung des Gleichstellungsbüros

 Wissenschaftlerinnen PaS

  Ein Film von Ian Cheney und Sharon Shattuck | USA 2020 | 97 Min | OmdtU | Dokumentarfilm 

 

Das Gleichstellungsbüro organisierte am 21. Juli 2021 eine Podiumsdiskussion zu den Themen des Dokumentarfilms Picture a Scientist – Frauen der Wissenschaft (USA 2020). Der Film wurde allen Interessierten zuvor als Stream zur Verfügung gestellt.

Podiumsteilnehmerinnen waren Prof. Dr. Diana Imhof (Professorin für Pharmazeutische Biochemie und Bioanalytik), Dr. Amma Yeboah (Psychodynamische Supervisorin, Fachärztin für Psychiatrie & Psychotherapie), Dr. Sinah Kloß (Forschungsgruppen-leiterin im Bonn Center for Dependency and Slavery Studies), Dr. Nina Steinweg (Mitarbeiterin am Center of Excellence Women and Science), PD Dr. Eva Youkhana (Stellvertretende Direktorin im Center for Development Research, ZEF) und Prof. Dr. Heike Kahlert (Professorin für Soziologie/Soziale Ungleichheit und Geschlecht). Die Veranstaltung wurde moderiert von Anneliese Niehoff (Mitglied im Vorstand der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen e.V. und Leiterin des Referates Chancengleichheit/Antidiskriminierung, Arbeitsstelle Chancengleichheit der Universität Bremen).
 


Zuschauer*innen hatten die Möglichkeit, vorab und während der Diskussion Fragen zu stellen, die vom Podium diskutiert wurden.

Der Film

Picture a Scientist thematisiert die Situation von Frauen in der Wissenschaft. Wer macht eigentlich Wissenschaft? Warum ist es in unserer Vorstellung immer noch häufig ‚der‘ Wissenschaftler? Anhand von drei Biographien verhandelt der Film beispielhaft eine Vielzahl von Problemen, die auch im deutschen Hochschulsystem relevant sind. Dazu gehören sexualisierte Belästigung im Hochschul- und Forschungsalltag, Ausschlussmechanismen und Ungleichbehandlung, Mehrfachdiskriminierungen und die Rolle von Führungspersonen und Institutionen. Der Film zeigt Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte auf, macht aber auch sichtbar, mit welchen Widerständen Frauen auf jeder Ebene des Wissenschaftsbetriebs zu kämpfen haben. Er wirkt verstörend, empörend – und ruft zum Handeln auf.
Weitere Informationen zum Film finden Sie hier.

Sexualisierte Belästigung und Übergriffe

Bei allen Teilnehmer*innen sorgte der Fall Jane Willenbring für besondere Empörung (hier eine kurze Zusammenfassung in ihren eigenen Worten). Ihre Mobbing- und Übergriffserfahrungen sind leider keine Ausnahme, vor allem in Feldforschungsfächern wie Geologie, Archäologie und Ethnologie. Wissenschaftler*innen bewegen sich auch bei Forschungsaufenthalten oder Exkursionen im Ausland innerhalb der komplexen sozialen Machtstrukturen, welche an Universitäten in vielen Bereichen etabliert sind. Dabei sind sie häufig sozial und/oder geografisch von ihrem privaten Umfeld isoliert. Diese Abwesenheit des persönlichen Netzwerkes erschwert die Verarbeitung von Vorfällen zusätzlich. Methodologische Auseinandersetzungen wie auch die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftler*innen sind immer noch von einer androzentrische Perspektive bestimmt, welche die Forschungsrealität ausblendet. Forscher*innen älterer Generationen, die als Vorbilder fungieren könnten, verstärken diesen Eindruck manchmal durch eine retrospektive Romantisierung: es hält sich mitunter die Vorstellung, dass Schwierigkeiten, Risiken und Leiden zum harten Karriereweg dazugehören. Betroffene fühlen sich zum Schweigen gezwungen, um nicht als inkompetent zu gelten – oder als „schwierige Personen“, die besser nicht weiter gefördert und empfohlen werden sollten. Die Folgen reichen bis hin zum Karriereabbruch.

Personen in Führungspositionen

In der Diskussion um Frauen und andere marginalisierte Gruppen in der Wissenschaft fallen immer wieder Metaphern von unsichtbaren Spielregeln oder einem Drehbuch, das es zu kennen gilt, um „mitspielen“ zu können. Daraus ergibt sich ein reizvoller Gegenentwurf: Es muss ein neues Drehbuch geschrieben werden! Aber ist das außerhalb von Machtpositionen überhaupt möglich? Wie viele Kompromisse gehen Forscherinnen ein, wie viel Authentizität geben sie auf, um an Macht zu gelangen? Und lässt sich diese Macht – geschlechtsunabhängig – erhalten, ohne nach dem althergebrachten Drehbuch zu spielen?
Erfolgreiche Veränderung funktioniert nicht ohne Verbündete auf unterschiedlichen, auch höheren Ebenen. Das heißt zum einen, dass selbst erlangte Macht nicht missbraucht werden darf, sondern Gerechtigkeit gelebt werden muss. Aber auch die Ausbildung von (zukünftigen) Führungspersonen muss sich ändern. Die zentrale Frage lautet hierbei: Welche Kompetenzen und Handlungsspielräume brauchen Führungskräfte, damit sie in ihrer Funktion strukturelle Veränderungen bewirken können?

Ausschlüsse und Drop-Out

Männliche Privilegien in der Wissenschaft sind oft unsichtbar. Mentoringprogramme und die gezielte Förderung von Frauen wurden eingeführt, weil es bereits männliche informelle Netzwerke gibt, die funktionieren – ohne, dass sie benannt oder sichtbar gemacht werden. Frauen hingegen sind auf diese formellen, explizit sichtbaren Maßnahmen angewiesen, da ihnen nach wie vor der Zugang zu diesen schon bestehenden Netzwerken erschwert wird.
Der Film zitiert das Bild der ‚leaky pipeline‘: Mehr und mehr Frauen nehmen ein Studium, auch in nach wie vor eher männlich dominierten Fächern auf, aber auf den höheren Ebenen steigen ihre Anteile auf Professuren oder in anderen Leitungsfunktionen kaum. Wenn also diese sogenannte Pipeline mit Beginn des Studiums fast schon in ausreichendem Maße mit potenziellen (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen gefüttert ist, wo entsteht der Drop-Out? Und weshalb? Was treibt so viele Frauen aus der Wissenschaft – und was geschieht auf der anderen Seite mit den Personen, die es schaffen, im System zu bleiben?
Adam Lewis, eine ambivalente Nebenfigur in der Biographie Jane Willenbrings, lieferte viel Gesprächsstoff. An seinem Beispiel lässt sich ablesen, wie viel passive Komplizenschaft ein vermeintlich ‚harmloser‘ (weißer, heterosexueller…) Mann mitbringen, wieviel Empathie er ausschalten muss, um selbst unbeschadet durch die Pipeline zu kommen. Aber nicht nur Männer stehen vor dieser Herausforderung. Alle in der Wissenschaft tätigen müssen als Ergebnisse der bestehenden Strukturen ernst genommen werden und sich den Fragen stellen: Wo und in welchen Situationen wird nach wie vor geschwiegen? Was wollen viele nicht sehen oder was wollen viele nicht wahrhaben, bezogen auf Vorfälle von Mobbing, Nötigung, Belästigung, Erpressung, Übergriffe?

Fazit

Picture a Scientist und die Podiumsdiskussion liefern unmittelbare Impulse für die Gleichstellungsarbeit an der Universität Bonn. Gleichstellungsbezogene Strukturpolitik und entsprechende Rechtsgrundlagen bieten Spielräume. Sie offen auszulegen hilft, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren.
Dem zentralen Bedarf nach Vernetzung und Empowerment soll durch eine Verstärkung des Angebots an Kollegialer Beratung und die Gründung von Peergruppen begegnet werden.
Ein weiterer aktueller Schwerpunkt ist der Auf- bzw. Ausbau von Beratungsstrukturen in Fällen von Übergriffen innerhalb der Universität und bei Forschungsaufenthalten – dies beinhaltet nicht nur Vorfälle von Sexismus oder Rassismus, sondern auch viele weitere Diskriminierungsformen. Vorfällen muss jedoch nicht nur adäquat begegnet werden, sie müssen auch von vornherein erschwert werden. Machtverhältnisse werden oftmals sichtbar, wenn die Frage gestellt wird: Wer darf was ungestraft und warum?
 

 

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