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Dr. Claudia Wich-Reif


Wich-Reif

 

Professorin für Geschichte der Deutschen Sprache und Sprachliche Variation

 

Mein Interesse an der deutschen, insbesondere an der historischen Sprachwissenschaft, wurde während des Studiums an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg geweckt: Von Semester zu Semester stieg der Spaß an der Linguistik. Die Themen und Aufgabenstellungen für Referate und Hausarbeiten erschienen gut eingrenzbar, überschau- und mit wenig Mühe lösbar. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich lieber Literatur las als sie zu interpretieren.

Nach der Zwischenprüfung war ich als Teaching assistant in Cardiff/Wales, die Rückkehr fiel mitten in ein Semester. Bei dem Sprachwissenschaftler Rolf Bergmann hatte ich noch einen Schein abzuholen. Er fragte mich, was ich im Weiteren für Pläne hätte, und als ich ihn darüber informiert hatte, dass ich bis zum Semesterbeginn erst einmal etwas Geld verdienen wolle, sagte er: „Da hätte ich was für Sie.“ – So wurde ich Studentische Hilfskraft an einem DFG-Projekt, dem „Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften“, der im Jahr 2005 publiziert wurde.

Nach dem Ende des Studiums bot mir Rolf Bergmann eine Stelle als Wissenschaftliche Hilfskraft an. Am Lehrstuhl von Rolf Bergmann waren nicht nur sehr viele Frauen beschäftigt, sie bekamen auch Stipendien und Kinder, und ich konnte als Vertreterin auf einer Assistentenstelle davon profitieren.

Die Dissertation zu Textglossaren und das Rigorosum waren im Dezember 1999 abgeschlossen. Im Januar las ich in der „ZEIT“ eine Ausschreibung auf eine Assistentenstelle bei Franz Simmler an der Freien Universität Berlin. Ich fand sie auf den ersten Blick nur interessant (Ausschreibungen von Assistentenstellen sind nicht üblich). Eine Woche später informierte mich Rolf Bergmann darüber; die Stelle in Bamberg war ja von absehbarer Dauer. Dennoch war ich unsicher, ob ich mich bewerben sollte, das Glossenhandschriften-Katalogprojekt war mir ans Herz gewachsen. Meine Freundin und Kollegin Ursula Götz fragte mich als erstes: „Könntest Du in Berlin leben?“ und nachdem ich dies bejahen konnte, bewarb ich mich auch – mit Erfolg. Ab April 2000 war ich also an der FU Berlin tätig. Nebenbei autopsierte ich noch mehrere mittelalterliche Codices für das Glossenkatalogprojekt. Ansonsten beschäftigte ich mich in der Forschung mit dem Sprachwandel der Wortart Präposition in der „Benediktinerregel“, ein Text, der sich ausgezeichnet für diese Fragestellung eignete, weil er vom 9. bis ins 21. Jahrhundert kontinuierlich überliefert ist.

Mein Freund, seit 2004 mein Ehemann, zog 2002 nach Berlin, im Mai dieses Jahres kam unser Sohn Paul zur Welt, 2004 unser Sohn Peter. Durch die Kinder lernte ich, dass man nach der Arbeit am Lehrstuhl und der Lehre für die eigene wissenschaftlichen Studien nicht auf den Musenkuss warten muss, sondern dass man einfach dann arbeiten kann, wenn man Zeit hat, also nicht stillt, mit den Kindern spielt, irgendwelche Hausarbeiten erledigt oder die Kinder schlafen. Insbesondere in der Endphase der Habilitation bedeutete das dann, dass sich hauptsächlich mein Mann und meine Mutter um die Kinder kümmerten, dass ich aufstand und an der Habilitationsschrift arbeitete, dass ich mich nur zwischen der Wohnung und der Bibliothek bewegte, dass ich ins Bett ging, wenn ich die Augen nicht mehr offen halten konnte, und das von Montag bis Sonntag (Von der Lehre war ich im letzten Semester vor Abschluss der Arbeit glücklicherweise freigestellt, weil ich in den Semestern vorher mehr gelehrt hatte.) Nachdem ich (natürlich) etwas länger gebraucht hatte als ursprünglich geplant, musste ich mich in der Endphase auch um die Herausgabe einer Festschrift für Franz Simmler und die Planung eines Kongresses anlässlich seines 65. Geburtstags im März 2007 kümmern. Nachdem der Assistenten-Vertrag im Oktober 2006 ausgelaufen war, konnte ich mich an der FU als Lehrkraft für besondere Aufgaben bewerben. Im Februar 2007 war das Habilitationsverfahren beendet. Ein Kongressteilnehmer wies mich darauf hin, dass an der Universität Paderborn eine Professurvertretung gesucht würde. Ich rief leider etwas zu spät an, bekam aber das Angebot Lehraufträge zu übernehmen. Im Wintersemester 2007/08 und im Sommersemester 2008 vertrat ich schließlich in Paderborn eine Professur. Am 11. April 2008 war ich zum Bewerbungsvortrag in Bonn eingeladen, am 8. Mai in Paderborn. Eine weitere Vertretungsprofessur in Paderborn lehnte ich zugunsten der Vertretung der Professur für die Geschichte der Deutschen Sprache und Sprachliche Variation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab, seit 1. April 2009 habe ich diese Professur inne.

Meine Forschungsinteressen sind vielfältig: Im Kontext des Sprachwandels beschäftige ich mich weiterhin unter mehreren Aspekten mit der „Benediktinerregel“. Ich hoffe gerade, mithilfe der Regel, die sich inhaltlich nur aufgrund von sprachexternen Gegebenheiten ändert (wie etwa die Lese- und Schreibfähigkeit), herausfinden zu können, wo der Ursprung für die Kompositionsfreudigkeit der deutschen Sprache liegt, die sie von allen anderen mir bekannten abhebt (dt. Tageslicht, aber franz. lumière du jour, ital. luce del giorno/chiaro, span. luz del día). Damit einhergehen können syntaktische Umstrukturierungen (vgl. Abbildung: ahd. leoht des tages > nhd. Tageslicht).

Hier Vers 41,8 der „Althochdeutschen Benediktinerregel“:

Wich-Reif Abb.

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 916, Anfang 9. Jahrhundert
http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0916/98/medium

Der Text:

lateinisch Jpsa {autem} uespera sic agatur ut lumen lucerne non indigeant reficientes; Sed luce ad huc diei omnia consumentur,

darüber althochdeutsch dem selbon aband so sie ketan daz leoht des leohtes ni duruftigoen Imbizzante vzzan leoht nun oh des tages alliu sin keentot,

in einer neuhochdeutschen Übertragung: ‚Die Vesper aber wird so angesetzt, dass man bei Tisch kein Lampenlicht braucht. Vielmehr muss alles noch bei Tageslicht fertig werden‘.

Die historische Syntax ist ein weiterer Forschungsschwerpunkt, insbesondere die Fragestellungen, wie sich Gesamt- und Teilsätze mit einer Interpunktion, die nicht der gegenwärtigen entspricht, ermitteln und beschreiben lassen und auch, welche syntaktischen Varianten zeitgleich nebeneinander existieren. Zur Erforschung der Syntax und Semantik vom 9. bis zum 18. Jahrhundert gibt es seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts regelmäßige Kongresse mit Sprachhistorikern der Université Paris IV – Sorbonne. Der nächste Kongress wird 2010 unter meiner Leitung hier in Bonn stattfinden. 

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