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Dr. Barbara Schmidt-Haberkamp


Schmidt-Haberkamp


Professorin für Anglistik


D
as Interesse an Großbritannien, das ich schon während meiner Schulzeit häufig besucht hatte, sowie für seine Sprache und Literatur, konnte ich im Lehramtsstudium mit meiner anderen Leidenschaft für den Sport verbinden. Studiert habe ich zunächst an der Universität Gent in Belgien, danach in Münster. Nach einem weiteren, einjährigen Aufenthalt in Schottland wurde mir mit einer Hilfskraftstelle die erste einer Reihe von Stellen an der Universität angeboten, die die berufliche Hinwendung zur Hochschule zweifellos erleichterten und zugleich Einblick in die mit einer Professur verbundenen Aufgaben gewährten.

Das Interesse an der Wissenschaft wurde durch die offene, diskutierfreudige Art meines akademischen Lehrers, durch seine geradezu ansteckende wissenschaftliche Neugier geweckt; prägend war sein wunderbares Oberseminar zu literatur- und wissenschaftstheoretischen Fragestellungen, das ich in den letzten Semestern vor dem Staatsexamen und dann durch die Promotionszeit besuchte. Von dem hier geweckten Verständnis und auch tiefen Interesse für Theorie, die gerade auch für die heutigen Literatur- und Kulturwissenschaften zentral ist, habe ich nachhaltig profitiert. Darüber hinaus waren es Gastprofessoren, die mich mit den Neuen Englischsprachigen Literaturen in Berührung brachten. Bei aller Begeisterung für die Inhalte habe ich die hierarchischen Strukturen immer als unangenehm und hinderlich empfunden.

Die Habilitation schloss sich wie selbstverständlich an die Promotion an; mittlerweile hatte ich Germanistik nachstudiert, ein Fach, das mir die komparatistische Perspektive auf mein Habilitationsthema, die englische Aufklärung, eröffnete, und eine Assistentenstelle stand glücklicherweise zur Verfügung. Ein DFG-Stipendium ermöglichte den Abschluss der Arbeit, und nach der Habilitation bemühte ich mich erfolgreich um Lehrstuhlvertretungen an verschiedenen Universitäten. Die Möglichkeiten zur Verfolgung der eigenen wissenschaftlichen Interessen sowie der Kooperation mit Kollegen, das ständige Dazulernen und Austauschen mit anderen in einem immer noch einzigartigen interaktiven Freiraum erscheinen mir absolut erstrebenswert. Neben dem Interesse am Fach, der Freude an seiner Vermittlung und hoher sozialer Kompetenz sollte Beharrlichkeit eine Grundvoraussetzung zur Beschreitung dieses Berufsweges sein.

Gefördert wurde ich jederzeit von meiner Familie, die nie an der Vollendung des Projekts der Habilitation und Professur zweifelte; als Wissenschaftlerin ernst genommen wurde ich von meinem akademischen Lehrer im Gespräch, leider kaum in praktischer Hinsicht, etwa in Form gemeinsamer Publikationen oder Konferenzbeteiligungen. Umso bedeutender waren für mich die Mitwirkung in Fachverbänden und der Besuch von nationalen und internationalen Tagungen zur Herstellung von Kontakten und Kooperationen. Auch auf Wissenschaftlerinnen und weibliche Vorbilder bin ich erst in diesen Zusammenhängen gestoßen.

Die hohe Flexibilität der Arbeitszeit hat es mir erleichtert, diesen Beruf mit Familie zu vereinbaren. Wir haben während der Habilitationsjahre drei Kinder bekommen. Ich bedaure es, dass so viele Wissenschaftlerinnen meinen, sich zugunsten der Karriere gegen Kinder entscheiden zu müssen, weil dadurch die Probleme von Wissenschaftlerinnen mit Kindern gar nicht ins Blickfeld rücken und Ansätze ihrer Lösung nicht konsequent verfolgt werden. Einen Wettbewerbsnachteil habe ich in meinen Kindern nie gesehen; schließlich ist auch Kinderlosigkeit keine Karrieregarantie.

Forschung

Einen Schwerpunkt meiner Arbeit bilden die Neuen Englischsprachigen Literaturen (NEL) beziehungsweise, weiter gefasst, das Gebiet, das heute unter dem Begriff „Postcolonial Studies“ firmiert. Sein Gegenstand ist die Erforschung der englischsprachigen Literaturen und Kulturen außerhalb Großbritanniens und den USA, also der jener Weltgegenden, die bis weit in das 20. Jahrhundert der Kolonialmacht Großbritanniens unterstanden. Seit den 60er Jahren hatte man sich innerhalb der Anglistik bemüht, den traditionellen Bereich des Faches zu erweitern und den „neuen“ englischsprachigen Literaturen Kanadas, der Karibik, Afrikas, Indiens, Australiens und Neuseelands einen Platz in Lehre und Forschung zu sichern. Im Zuge der Neubesetzung vieler anglistischer Professuren in den letzten Jahren wurde dieses Arbeitsgebiet an den meisten deutschen Universitäten institutionalisiert und gehört weiterhin zu den am stärksten wachsenden Arbeitsfeldern innerhalb der Anglistik.

Zwei Kontexte haben die Forschung und Lehre in diesem Bereich bis heute geprägt: die disziplinär vorgegebene Beschränkung auf das Englische als Literatursprache – die Einbettung der Neuen Englischsprachigen Literaturen und Kulturen in Regionalstudienkonzepte bleibt die Ausnahme – und die komparatistische Betrachtung aller regionalen Ausprägungen dieser Literaturen und Kulturen in dem weltumspannenden Kontext der NEL. Zentrale Analysegegenstände aus komparatistischer Sicht sind beispielsweise die Rolle des Antikolonialismus in der Literatur, Debatten um die Rolle des Englischen als Literatursprache oder auch die Auseinandersetzung mit den im Spannungsfeld unterschiedlicher Kulturen entstandenen individuellen und kollektiven Identitäten. Augenfällig wird in jedem Fall die Unmöglichkeit der Gleichsetzung von englischsprachiger und nationaler Literatur.

Ein Blick auf die verschiedenen Benennungen dieses Arbeitsgebietes veranschaulicht seine Entwicklung, aber auch die sich wandelnde Fachkonzeption der Anglistik. Insbesondere betrifft dies die Ablösung der zentristischen Konzeption von einem einzigen kulturellen Gravitationszentrum, um das sich die Peripherien gruppieren, durch ein Weltbild mit vielen gleichrangigen Zentren. Der zunächst gebräuchliche Begriff „Commonwealth-Literatur“ zementierte genau dieses hierarchische Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie, indem die neuen englischsprachigen Literaturen als Verzweigungen der britischen Literatur betrachtet wurden. Darüber hinaus trug der politische Ordnungsbegriff des „Commonwealth“ weder den wechselnden Mitgliedschaften einzelner Länder noch der Heterogenität ihrer Kulturen Rechnung. Pluralität demonstrieren dagegen die neueren, heute verwendeten Begriffe „Neue Englischsprachige Literaturen“ und „Postcolonial Literatures in English“, wenngleich das Adjektiv „neu“ weniger das Alter der besprochenen Literaturen als das Interesse an ihnen anzeigt und das Adjektiv „postkolonial“ nicht mit „nach-kolonial“ gleichzusetzen ist, sondern ein zeitliches Kontinuum vom Beginn der Kolonisation bis in die Gegenwart bezeichnet.

Insbesondere der Siegeszug der postkolonialen Literaturtheorie seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre hat die Entstehung eines nicht nur komparatistisch, sondern auch interdisziplinär ausgerichteten Forschungsfeldes begünstigt, dessen Kernbereiche im Gebiet der Kultur- und Literaturwissenschaft angesiedelt sind und das sich sowohl mit den Gesellschaften und Kulturen in den ehemals kolonialisierten Teilen der Welt befasst als auch mit der Analyse von Kolonialdiskursen und zeitgenössischen Migrantenkulturen, und, nicht zuletzt, mit der Fülle an Theoriebildungen zu ihrer Beschreibung.

Zwar hat sich das Konzept des Postkolonialismus durchgesetzt, im anglophonen Raum zumal, doch halten eine wachsende Zahl an Kritikern die Tatsache, dass es die koloniale Einflussnahme als Referenzpunkt hat und damit den Anti-Kolonialismus („resistance“) zentral setzt, als zunehmend unzeitgemäß. Weil Kulturen heute in zunehmendem Maße in transnationale (globale) Beziehungsgeflechte eingebunden sind, diskutiert man gegenwärtig das Konzept „transcultural English studies“, dessen utopische Dimension indes schon die Ausklammerung der anglophonen Literaturen der USA und Irlands aus den „Postcolonial Studies“ aufscheinen ließ. Gerade diese Beispiele verdeutlichen die Notwendigkeit, Analysen von Repräsentationen durch solche interdisziplinärer Art zu Machtstrukturen, wie sie durch historische, gesellschaftspolitische und institutionelle Rahmenbedingungen verbürgt sind, zu ergänzen.

Wenn Zakes Mda in seinem Roman „The Heart of Redness“ (2000) die Kolonialgeschichte und die Gegenwart Südafrikas beschreibt, aber die Apartheid-Ära ausblendet, so heißt dies, dass die schwarzen Südafrikaner zu dieser Zeit keine Stimme hatten und nicht Gegenstand von Repräsentation waren, die wir, wie die Beschreibung der anderen historischen Epochen, analysieren könnten. Man mag sich in diesem Zusammenhang fragen, warum weiterhin kaum ein Roman eines schwarzen Südafrikaners in deutscher Übersetzung erscheint, sondern der hiesige Buchmarkt sich auf die Werke der weißen Schriftsteller Nadine Gordimer, J. M. Coetzee und neuerdings Damon Galgut konzentriert.

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