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Dr. Anke Rohde


Rohde

 

Professorin für Gynäkologische Psychosomatik

Aktuell Inhaberin der Professur „Gynäkologische Psychosomatik“ (Netzwerk Frauenforschung des Landes NRW) und Leiterin des Funktionsbereiches Gynäkologische Psychosomatik an der Universitäts-Frauenklinik Bonn seit April 1997

Beruflicher Hintergrund

Ausbildung zur Nervenärztin an den Universitäten Köln und Bonn. Danach langjährige Tätigkeit als Psychiaterin und Psychotherapeutin an den Universitätskliniken Bonn und Halle.
1993 bis 1997 Leitende Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Halle
Fachärztin für Nervenheilkunde, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, DGPPN-Zertifikat Forensische Psychiatrie.

Dem Beginn des Medizinstudiums ging eine kaufmännische Ausbildung und Tätigkeit sowie der Erwerb des Abiturs über den zweiten Bildungsweg voraus. Bei der Wahl des Medizinstudiums stand der Wunsch im Vordergrund, mit Menschen zu arbeiten. Die Wahl des Fachs Psychiatrie für die spätere Facharztausbildung wurde eingeleitet durch die Annahme einer Doktorarbeit mit psychiatrischem Thema..

Die Entscheidung für eine wissenschaftliche Laufbahn wurde letzten Endes durch den darüber stattfindenden Einstieg in ein Forschungsteam gebahnt, das klinische Fragestellungen untersuchte und Patientenarbeit und Forschung dabei in idealer Weise verbinden konnte. Bis dahin hatte ich mir gar nicht vorstellen können, wissenschaftlich zu arbeiten. Dies hatte sicher auch damit zu tun, dass man sich unter wissenschaftlicher Arbeit üblicherweise am ehesten Labortätigkeit vorstellt. Schon sehr bald entwickelte die wissenschaftliche Tätigkeit in der Psychiatrie eine eigene Dynamik: Die im Rahmen des Forschungsprojektes – später als „Köln-Studie“ bezeichnet - von uns durchgeführten Nachuntersuchungen von ehemaligen Patienten nach langfristigem Krankheitsverlauf gewährten faszinierende Einblicke in das Leben und die Krankheitsgeschichte einer Vielzahl von Menschen. Bereits zu diesem Zeitpunkt begann – angeregt durch meinen damaligen Doktorvater – die Beschäftigung mit frauenspezifischen Themen; in der Promotionsarbeit ging es um die Psychosen, die erstmals nach einer Entbindung auftreten.

Weniger geplant als viel mehr gefördert durch die Einbindung in das Forschungsteam trat die frühere Intention, als niedergelassene Ärztin tätig zu werden, immer mehr in den Hintergrund. Nach der Teilnahme an verschiedenen wissenschaftlichen Projekten, Erstellung von Manuskripten und der Teilnahme an einer Vielzahl von interessanten, oft auch internationalen psychiatrischen Kongressen, war die Erstellung einer Habilitationsarbeit nur noch folgerichtige Konsequenz. Typische frauenspezifische Hindernisse in der wissenschaftlichen Entwicklung und in der klinischen Tätigkeit habe ich letzten Endes nur selten kennen gelernt – sicher auch deshalb, weil der Leiter des wissenschaftlichen Teams ( Doktorvater, später Habil-Betreuer und langjähriger Chef), sowohl weibliche als auch männliche Mitarbeiter in gleicher Weise förderte und ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Entscheidung für die wissenschaftliche Laufbahn gefallen ist.

Noch immer beobachte ich bei Kolleginnen, Mitarbeiterinnen und Doktorandinnen etwas, was ich bei mir selbst kennen gelernt hatte: Nämlich dass Frauen im Vergleich zu Männern oft sehr viel weniger Selbstbewusstsein im Hinblick auf wissenschaftliche Arbeit haben, sich nicht zutrauen, so etwas zu können und damit “automatisch” den Weg in die klinische Ausbildung einschlagen. Selbst Studentinnen, die hervorragende Dissertationen erstellen, trauen sich zunächst einmal gar nicht zu, dass sie auch in Richtung Habilitation bzw. Professur weiterarbeiten könnten. Neben den typischen Hindernissen, die Frauen auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere in unserem System haben (Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, was leider auch im Jahr 2010 noch ein erhebliches Problem darstellt) spielt das sicher auch eine Rolle dabei, wenn Männer sehr viel häufiger und meist auch früher als Frauen davon überzeugt sind, dass eine wissenschaftliche Karriere für sie das Richtige ist und dass sie ihre diesbezüglichen Ziele erreichen werden. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich nur alle jungen Kolleginnen ermutigen, sich von in die Wissenschaft führenden Möglichkeiten und Chancen leiten zu lassen und sich auszuprobieren – vielleicht führt dann ja der Weg auch ohne konkrete vorherige Planung zur Habilitation und Professur.

In der Förderung begabter junger Frauen sehe ich einen wichtigen Aspekt der wissenschaftlichen Tätigkeit. Dadurch, dass ich seit 13 Jahren in der Frauenklinik im Bereich Gynäkologische Psychosomatik tätig bin und nur noch frauenspezifische Themen bearbeite bzw. Patientinnen mit entsprechenden klinischen Symptomen behandle, ergibt es sich fast automatisch, dass die Mitarbeiterinnen im Team Frauen sind. Auch spezifische Fragestellungen im Rahmen von Dissertationen sind in diesem Bereich sehr viel einfacher mit Promovendinnen zu bearbeiten.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass nicht nur bei den Studentinnen und den Assistentinnen in klinischen Einrichtungen die Frauen zahlenmäßig gleich vertreten sind oder vielleicht sogar überwiegen, sondern dass sich auch bei der weiteren wissenschaftlichen Laufbahn der Anteil von Frauen erhöht. Vielleicht werden dann zukünftige Generationen von Frauen nicht mehr die Erfahrung machen, wie es ist, als eine von wenigen Frauen in einer Fakultät von fast 100 Männern zu sitzen und manches Mal dadurch auch zur „Quotenfrau“ zu werden.

Forschung und Lehre

Geprägt durch meine psychiatrische Ausbildung und langjährige Tätigkeit in diesem Bereich sowie mein forensisch-psychiatrisches Interesse beschäftigen wir uns mit den verschiedensten Themenbereichen der Gynäkologischen Psychosomatik und Gynäkopsychiatrie.

Ein großer Bereich bei den Forschungsaktivitäten nehmen Untersuchungen zum Thema psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik ein. Mittlerweile läuft das dritte Projekt zu diesem Thema. Abgeschlossen wurde ein prospektiv angelegtes Forschungsprojekt „Pychosoziale Beratung in Kontext von Pränataldiagnostik – Evaluation der Modellprojekte in Bonn, Düsseldorf und Essen (Rohde & Woopen 2007), gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Eingeschlossen wurden 501 Frauen, die im Kontext von Pränatalmedizin, meist nach der Mitteilung eines pathologischen pränataldiagnostischen Befundes, psychosozial beraten werden. Ziel des Projektes war u.a. die Erfassung des weiteren Verlaufes bezogen auf die psychische Befindlichkeit betroffener Frauen, die Bewältigung des Erlebten, Auswirkungen auf die Partnerschaft, die Sicherheit der Entscheidung auch aus der zeitlichen Distanz und die Gestaltung von Beratung aus Sicht der Betroffenen. Nicht zuletzt die Ergebnisse dieses Projektes führten zu einer Verstärkung der öffentlichen Diskussion des Themas und 2009 dann auch zur gesetzlichen Verankerung der Empfehlung von psychosozialer Beratung nach pathologischem fetalen Befund und zur Einführung einer vorgeschriebenen Wartezeit zwischen Beratung und Indikationsstellung zum Schwangerschaftsabbruch (Änderung des Schwangerenkonfliktgesetzes ab 1.1.2010) Gerade diese Beispiel zeigt, dass auch Forschung im Bereich Psychosomatik / Psychiatrie zu  allgemeinen bis hin zu gesellschaftlichen Auswirkungen führen kann.

Auch das Folgeprojekt „Entscheidungsprozesse im Kontext von Pränataldiagnostik wurde vom BMFSFJ gefördert. Am 31.12.09 endete die Datenerhebung; derzeit läuft die Auswertung. Dieses Projekt basiert auf qualitativer Auswertung von Interviews, die sowohl mit Pränatalmedizinern, die die Indikation zum Schwangerschaftsabbruch stellen und diesen ggf. auch durchführen, psychosozialen Beraterinnen sowie betroffenen Frauen und ihren Partnern, die sich mit einem auffälligen kindlichen Befund nach Pränataldiagnostik auseinandersetzen mussten, geführt wurden.

Und im dritten Projekt zum Thema Pränataldiagnostik, das in Kooperation mit dem  SKF (Sozialdienst katholischer Frauen) in Bayern durchgeführt wird, geht es um den Versuch der Implementierung von psychosozialer Beratung bereits sehr früh in der Schwangerschaft, nämlich zu einem Zeitpunkt, wo die Entscheidung zur Inanspruchnahme von pränataldiagnostischen Untersuchungen gefällt wird. Dieses Projekt greift Ergebnisse des ersten Projektes und anderer Untersuchungen auf, nämlich das Frauen sehr oft in pränataldiagnostische Untersuchungen hineingehen, ohne sich vorher über mögliche Auswirkungen und Konsequenzen Gedanken gemacht zu machen und dann für den Fall auffälliger Befunde in eine psychische Krisensituation geraten.

Ebenfalls unter Einsatz von qualitativen Methoden (Inhaltsanalyse) wird ein weiteres aktuell laufendes Projekt durchgeführt, nämlich eine Untersuchung zur verdrängten Schwangerschaft und Kindstötung (Neonatizid). Auch hierbei wird ein in der Gesellschaft kontrovers diskutiertes Thema aufgegriffen, nämlich die Frage, inwieweit Babyklappen und das Angebot der Anonymen Entbindung solche tragischen Fälle verhindern können. In dieses Projekt fließt auch die neben der gynäkologisch-psychosomatischen bzw. –psychiatrischen Tätigkeit stattfindende forensisch-psychiatrische Aktivität ein (z.B. Erstellung von Gutachten für Staatsanwaltschaften und Gerichten zur Schuldfähigkeit von Tätern) ein. Erste Ergebnisse sind publiziert unter Schlotz et al. 2009 (Quelle).

Einen breiten Raum in der klinischen Tätigkeit nimmt in den letzten Jahren die Beratung und Betreuung von Frauen mit psychischer Erkrankung und Kinderwunsch bzw. in der Schwangerschaft und rund um die Entbindung ein. Nach Etablierung des Internet-Portals www.frauen-und-psychiatrie.de (systematische Darstellung der vorhandenen Informationen zur Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit), in dem das schwierige Thema der Nutzen-Risiko-Abwägung bei Behandlungsbedürftigkeit in der Schwangerschaft und Stillzeit aufgegriffen wird, hat die Zahl der diesbezüglichen Anfragen ständig zugenommen. Mittlerweile in der dritten Auflage erscheint das Buch Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit“ (Rohde und Schaefer 2010), das aus diesen Erfahrungen hervorgegangen ist. Ergebnis der praktischen Erfahrungen war u.a. die Etablierung eines Konzeptes zum peripartalen Management bei solchen Frauen, mit dem Ziel, Krankheitsrezidive nach der Entbindung möglichst zu verhindern. Aktuell werden die bisher einheitlich dokumentierten Verläufe von über 50 Frauen in der Schwangerschaft und nach der Entbindung ausgewertet, um die Effektivität dieses Betreuungskonzeptes zu überprüfen. Ziel wäre auch hier die Verbesserung der Betreuung betroffener Frauen.

In weiteren kleineren klinischen Projekten, an denen sich neben Mitarbeiterinnen unter anderem Doktorandinnen und Diplomandinnen beteiligt haben, wurden beispielsweise Themen wie das prämenstruelle Syndrom, psychoonkologische Betreuung von Brustkrebs-Patientinnen, Fertilitätsprotektion bei krebserkrankten Frauen, postpartale psychische Störungen, Sexualität nach der Entbindung, Geburtserleben von Müttern und Vätern, Befinden der Eltern nach fetalchirurgischen Eingriffen, psychischer Verlauf nach peripartalem Verlust eines Kindes etc. aufgegriffen. Die Präsentation solcher Projekte erfolgt in der Regel auf den jährlich stattfindenden Tagungen der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatik in Geburtshilfe und Frauenheilkunde (DGPFG) sowie auf anderen Tagungen. Informationen zur Forschungs- und Publikationstätigkeit sind auch über die Homepage www.femina.uni-bonn.de zu erhalten. Wiederholt wurden Beiträge von Mitarbeiterinnen mit Vortrags- und Posterpreisen ausgezeichnet.

Aus den Erfahrungen der täglichen klinischen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit speziellen frauenspezifischen Themen ergibt sich darüber hinaus immer wieder die Notwendigkeit zu öffentlichen Stellungnahmen, zum Beispiel in den Medien oder Gremien (z.B. Ethikrat). Dazu gehören beispielsweise vielfältige Stellungnahmen zum Thema Neonatizid / Anonyme Geburt / Baby-Klappe sowie zum Thema Pränatalmedizin.

Und last but not least entstanden in der Zwischenzeit eine Reihe von Büchern, in denen die klinischen und wissenschaftlichen Themen aufgegriffen und für bestimmte Zielgruppen dargestellt wurden (z.B. "Psychoonkologische Therapie bei Brustkrebs“, Dorn et al. 2007, Pränataldiagnostik und psychoosziale Beratung, Wasser und Rohde 2009). Die Gesamterfahrungen seit 1997 führten schließlich zum Lehrbuch „Gynäkologische Psychosomatik und Gynäkopsychiatrie“ (Rohde und Dorn 2007, vollständige Liste s. www.femina.uni-bonn.de).

Lehrveranstaltungen für Studierende gehören übrigens auch mittlerweile zu den regelmäßigen Aktivitäten. Auf dem Hintergrund der Erfahrung, dass für Ärzte in der somatischen Medizin der Umgang mit Patientinnen in bestimmten Situationen (z.B. Mitteilung einer schwierigen Diagnose) schwierig sein kann, wurde ein Kurs „Gesprächsführung und Kommunikation“ eingeführt, der mittlerweile fester Bestandteil des Lehrplans ist (bei der Mediziner-Ausbildung in Bonn ein Pflichtkurs). Besonders positiv bewertet wird dieses Kurs-Angebot von Seiten der Studierenden, seitdem für die Rollenspiele, die einen großen Teil des Kurses ausmachen und in denen sich die zukünftigen Ärztinnen und Ärzte in besonders schwierigen Gesprächssituationen erproben können, als „Patienten“ sogenannte Demonstrations-Patienten eingesetzt werden (seit zwei Semestern steht dieser Kurs im fakultätsinternen Ranking von etwa 60 Veranstaltungen in der Evaluation der Studierenden an erster Stelle).

 Anke Rohde/17.3.10

 

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