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Dr. Eva Orthmann

 

Orthmann

 

Professorin für Islamwissenschaft


So weit meine Erinnerung zurückreicht, immer schon stand fest, dass ich einmal Medizin studieren würde. Und so war es auch nur konsequent, dass ich mich in der Oberstufe für den naturwissenschaftlichen Zweig meines Gymnasiums entschied. Doch ohne dass ich genau sagen könnte, warum, geriet diese Gewissheit im letzten Schuljahr ins Wanken, so dass mir nach meinem Abitur 1989 die Wahl eines geeigneten Studienfachs nicht leicht fiel. Dass ich mich schließlich für Islamwissenschaft entschieden habe, lag primär an meinem großen Interesse für orientalische Sprachen. Bereits mit 13 Jahren hatte mir meine Mutter, die lange in der Türkei gelebt hatte, Türkisch beigebracht; später kam Persisch im Selbststudium hinzu.

Die Wahl des Studienorts Tübingen erwies sich als großer Glücksfall. Mit vier hochrangigen Professoren – Josef van Ess, Manfred Ullmann, Heinz Halm und Heinz Gaube – sowie dem Sondersammelgebiet Nahost war die Eberhard-Karls Universität damals ein herausragender Standort für die Islamwissenschaft. Allen vier Professoren fühle ich mich bis heute verbunden und merke, wie ihr Einfluss auf die ein oder andere Weise weiterhin nachwirkt. Die Atmosphäre der Tübinger Jahre hat meine Vorstellung davon, wie Universität sein sollte, denn auch sehr geprägt. Dass ich bereits im dritten und vierten Semester Hauptseminare besuchen durfte, deren Themen mich interessierten, scheint in Zeiten von BA und MA kaum noch vorstellbar. Die Zahl der Studierenden war genauso überschaubar wie die kurze Studienordnung. Neben der anregenden Tübinger Atmosphäre haben mich in dieser Zeit vor allem meine Auslandsaufenthalte geprägt, ganz besonders ein Studienjahr in Damaskus, aber auch Sprachkurse in Tunesien und Isfahan.

Als mein jetziger Mann 1995 eine Stelle in Halle (Saale) angeboten bekam, entschloss ich mich dazu, ihm zu folgen, und nach Möglichkeit in Halle zu promovieren. Dort traf ich ein Institut an, das aufgrund seiner alten Tradition und der Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft zwar durchaus Entwicklungschancen aufwies, sich neben Tübingen aber doch sehr bescheiden ausnahm. Besonders desolat waren die Räumlichkeiten, in denen ich das Institut vorfand – die Fassade bröckelte, der Lesesaal war ein stark frequentiertes Durchgangszimmer, die Bibliothek nur eingeschränkt zugänglich. Schon bald jedoch sollte sich die Situation grundlegend ändern: Das Institut blühte in den fünf Jahren, die ich in Halle weilte, regelrecht auf, und die Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens verbesserten sich zunehmend. Kurz nachdem das Institut in ein neues Gebäude umgezogen war, erhielt ich Privilegien, von denen die meisten Doktoranden nur träumen können: ein eigenes Arbeitszimmer, einen eigenen Computer und Telefon, dazu einen Schlüssel für sämtliche Bibliotheksräume. Angeregt durch meinen Doktorvater, Stefan Leder, wandte ich mich der Erforschung tribaler Strukturen im 8./9. Jh. in der arabischen Welt zu. Sehr schnell zeigte sich dabei der begrenzte Aussagewert der Quellen, deren narrative Strukturen viel über das Bild der Stämme bei den Historiographen aussagten, aber nur wenig verlässliche Informationen über deren Handeln und Motivationen enthielten. Als gegen Ende meiner Promotionszeit in Halle ein Sonderforschungsbereich (SFB) über Nomaden und Sesshafte geplant wurde, wurde ich aufgrund der thematischen Nähe zu meiner Dissertation schon zu einem frühen Zeitpunkt in die Vorbereitungen eingebunden. Es hat mich damals sehr motiviert, dass in diesem SFB auch ein Projekt für mich vorgesehen war und sich damit Perspektiven über den Abschluss der Promotion hinaus ergaben.

Doch es sollte anders kommen, da ich mich kurz vor Fertigstellung meiner Dissertation erfolgreich auf eine Assistentenstelle am Lehrstuhl von Ulrich Rudolph in Zürich bewarb. Noch einmal kam ich an ein Institut, das bei meiner Ankunft eher bescheiden wirkte, und noch einmal durfte ich erleben, wie sich diese Situation innert fünf Jahren grundlegend änderte. Neben der enormen Dynamik, die das Institut in dieser Zeit entwickelte, hat mich in Zürich vor allem der weit über eine normale Kollegialität hinausgehende freundschaftliche Umgang unter den Institutsmitarbeitern beeindruckt. Zumindest in der Anfangsphase habe ich diese positive Atmosphäre aber auch sehr gebraucht, da sich der Umzug in die Schweiz aufgrund bürokratischer Hindernisse als schwieriger erwies, als erwartet. Wissenschaftlich bedeutete der Wechsel nach Zürich für mich ein Wiederanknüpfen an Interessen aus meiner Tübinger Magisterzeit. Schwerpunkt wurde nun wieder der iranische und indo-iranische Raum. Unterstützt durch Ulrich Rudolph, dessentwegen ich mich nach Zürich beworben hatte, wandte ich mich nun allerdings der Wissenschaftsgeschichte zu, speziell der Astrologie. Sehr schnell wurde mir klar, dass die Verbindung naturphilosophischer und historischer Fragestellungen ein Forschungsfeld darstellt, das im Bereich der Islamwissenschaft bisher eher marginale Aufmerksamkeit erfahren hat, mich aber in besonderem Maß interessiert. Welche kosmologischen Vorstellungen bestimmte Herrscher oder religiöse Gruppen hatten, welche Auswirkungen dies auf die Wissenschaftspflege hatte, und welches propagandistische Potential Grundannahmen über Zeit und Zeitzyklen in sich bargen, sind Fragen, die in viele Zusammenhänge der islamischen Geschichte hineinspielen. Dieses Forschungsgebiet wird mich auch in Zukunft noch für eine Weile beschäftigen. Zahllose handschriftliche Texte, die ich während mehrerer längerer Aufenthalte im Iran in Kopie erworben habe, harren noch der Auswertung.

Um mich ganz auf die Fertigstellung meiner Habilitation konzentrieren zu können, erhielt ich von Ulrich Rudolph 2005 das Angebot, meine Assistenzzeit zu unterbrechen, um mit einem Stipendium des Schweizer Nationalfonds nach Yale zu gehen. Wahrscheinlich ist mir keine Entscheidung in meiner wissenschaftlichen Karriere so schwer gefallen wie der Weggang nach Amerika, standen sich hier doch zwei Interessen diametral gegenüber: die großen Chancen, die ein Aufenthalt in Yale mir wissenschaftlich bot, gekoppelt mit meiner Neugier auf die USA und das dortige Umfeld – und das Wissen, dass diese Entscheidung die Gründung einer Familie erheblich erschweren würde, da mein Mann, gebunden durch eine Stelle in München, nicht würde mitkommen können, sondern zwischen München und New Haven pendeln müßte. Ich habe mich dann trotzdem für Yale entschieden – und für die Familie. Nach der Geburt unseres Sohnes bedeutete dies, dass ich immer wieder über längere Zeiträume alleinerziehend war. Sehr viel Disziplin und eine ganz strikte Zeitplanung waren nötig, um Forschung und Kind unter einen Hut zu bringen. Es war die schwierigste und anstrengendste Zeit meiner bisherigen Karriere. Insgesamt gesehen bin ich trotzdem froh darüber, in die USA gegangen zu sein. Neben den außerordentlich guten Recherchemöglichkeiten hatte ich vor allem Gelegenheit, die Chancen sowie die Vor- und Nachteile einer amerikanischen Eliteuniversität kennenzulernen. Meine Habilitation konnte ich dort allerdings nicht abschließen, da ich zuvor einen Ruf an die Universität Bonn erhalten habe.

Im September 2007 bin ich daher mit meiner Familie nach Bonn umgezogen, wo ich seit dem WS 2007/08 eine Professur für Islamwissenschaft mit Schwerpunkt Iran innehabe. Hier setze ich meine Forschungen zu Astrologie, Kosmologie und Naturphilosophie in einem neuen Umfeld fort. Dazu gehören die Edition und Übersetzung eines arabischen Textes zu astrologischen Zeitzyklen, der sehr interessante propagandistische Aussagen enthält. Meine Arbeiten zur Astrologie werden durch ein von der DFG gefördertes Projekt zu einer weiteren propagandistischen astrologisch-astronomischen Handschrift erweitert, das im August 2009 seine Arbeit aufgenommen hat. Neben den wissenschaftlichen Erträgen stellt für mich in diesem Projekt die Chance, erstmals mit eigenen Mitarbeitern zusammen zu arbeiten, eine große Bereicherung dar.

In einer weiteren Studie befasse ich mich mit astrologisch-kosmologischen Vorstellungen in der Herrschaftsideologie des Moghulreichs. Die zeitweilige Abkehr der Moghulherrscher vom Islam und ihr Bemühen, eine Art synkretistischer Religion zu etablieren, in der die Verehrung der Sonne eine besondere Rolle spielt, macht die Untersuchung der kosmologischen Bezüge in ihrer Ideologie besonders spannend; weitere Forschungsprojekte zum Moghulreich sind daher beantragt.

Nachdem die ersten drei Jahre in Bonn vorbei sind, und die Anfangsturbulenzen sich gelegt haben, hat sich ein Arbeitsalltag eingestellt, der es mir ermöglicht, meine universitäre Arbeit mit meinem Familienleben einigermaßen in Einklang zu bringen. Die äußeren Rahmenbedingungen sind dazu inzwischen ziemlich gut: mit einem Ganztages-Kindergartenplatz für meinen Sohn und einem Ehemann, der einen Großteil seiner Arbeit von zuhause aus erledigen kann, lässt sich der Alltag ganz gut meistern. Die eigenen Freiräume allerdings, die Gelegenheiten, auch einmal ein gutes Buch zu lesen, sich ans Klavier zu setzen oder ein Konzert zu hören, werden wohl auch auf absehbare Zeit recht begrenzt bleiben.

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