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Dr. Gisela Muschiol

Muschiol

Professorin für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte

Leiterin der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät


Ich wurde 1959 in Iserlohn / Westf. geboren, habe dort im Jahr 1978 mein Abitur an einem Mädchengymnasium bestanden und von 1978 bis 1984 in Münster Katholische Theologie im Diplomstudiengang sowie Geschichte und Volkskunde mit dem Ziel Magister studiert. Ich bin verheiratet und habe eine siebenjährige Tochter. Seit Oktober 2002 bin ich Professorin für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bonn.

Ursprünglich lagen Theologie und Geschichte gar nicht als Studienfächer in meinem Horizont. In der Oberstufe faszinierte mich die Informatik als eine völlig neue und noch unausgelotete Disziplin. Darüber hinaus machte ich mit Begeisterung Musik. Studieren wollte ich beide Fächer dann aber doch nicht. Letztlich war ich auf der Suche nach einem „Generalistenfach“ und bin auch deswegen in der Theologie gelandet – die Chance, die verschiedensten Methoden und „Fächer“ in einem einzigen Fach studieren zu können, hat mich begeistert. Erlebt habe ich diesen weiten Ansatz schon in der Schule, durch einen hervorragenden Religionsunterricht und einen sehr guten Religionslehrer, der dann mit seinem Hinweis auf die lebendige Theologie an der Universität Münster auch die Wahl meines Studienorts maßgeblich beeinflusst hat.

Allerdings hatte ich schon nach dem ersten Semester das Gefühl, dass ich neben der Theologie noch etwas anderes brauchte, und habe mich für einen zweiten Studiengang eingeschrieben. Geschichte gehörte nicht nur in der Schule zu meinen absoluten Favoriten, sondern Interesse an der Geschichte ist in gewisser Weise ein Familienerbteil. Meine Eltern waren nicht begeistert über meine Studienwahl – sie hätten ein Studium mit größerer Tendenz zu einem „Brotberuf“ für ihre älteste Tochter bevorzugt, denn es war unsicher, wo und wie denn Frauen in der katholischen Kirche würden arbeiten können. An so etwas wie eine Professur für eine Frau in Katholischer Theologie war zu Beginn meines Studiums ja nicht einmal zu denken – und ich habe erst recht nicht daran gedacht. Meine Eltern haben trotz ihrer Bedenken mein Studium immer unterstützt - heute würde ich auch sagen, sie haben meine Sturheit und meine Entschiedenheit richtig eingeschätzt ...

Erst am Ende meines Studiums wuchs das Interesse, die Theologie nicht in einer Gemeinde hauptberuflich zu „praktizieren“, sondern sie als Wissenschaft an der Universität zu betreiben – zwischendurch war ich manchmal eher dem Ausstieg aus dem Studium nahe. Ein damals gerade neu berufener Professor war ausschlaggebend dafür, das Theologiestudium doch abzuschließen. Als er mir eine studentische Hilfskraftstelle und nach Studienabschluss eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin anbot, habe ich mich für eine Promotion entschieden. Die Arbeit am Lehrstuhl, in einem großen Team mit einem durchaus unkonventionellen akademischen Lehrer, hat mich sehr geprägt – sehr lebendig, mit großem Interesse an den Fragen der Studierenden, fast frei von allen Hierarchien, dennoch mit hohen Leistungsanforderungen und gleichzeitig generöser Forschungsfreiheit – ohne diese Bedingungen wäre ich vermutlich nicht Wissenschaftlerin geworden.

Nach dem Abschluss der Promotion im Jahre 1990 war ich dann unschlüssig, wie es weitergehen sollte, und habe zuerst über ein Jahr als Fachbereichsleiterin an einer katholischen Akademie gearbeitet. So abwechslungsreich und anregend ich diese Arbeit bis heute wahrnehme - innerhalb dieses Jahres wuchs der Entschluss, es doch mit der Wissenschaft weiterzuversuchen. Eine habilitierte Frau für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte gab es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch nicht – überhaupt nur ganz wenig habilitierte Theologinnen. Wie sehr dieser Weg ein Wagnis war, habe ich allerdings erst im Nachhinein begriffen. Die 80er Jahre, also meine Promotionszeit, waren zwar geprägt von feministischen Fragen, auch durch die ersten Versuche der Institutionalisierung der Frauenforschung – und mein Promotionsthema hatte durchaus ein frauengeschichtliches Interesse -, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, durch mein Frausein möglicherweise Nachteile hinnehmen zu müssen. Ich bin in dieser Hinsicht sehr unbefangen an eine akademische Karriere herangegangen, geprägt durch ein Selbstbewusstsein, das mir sowohl meine Eltern als auch viele Lehrerinnen und Lehrer meines Gymnasiums vermittelten: Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass es einen Beruf geben könnte, den Frauen nicht ausüben dürften (vom Priesteramt einmal abgesehen).

Eine solche positive „Naivität“ habe ich im Laufe meines Studiums verloren. Seitdem begleitet mich in meinen diversen Büros ein Plakat mit Sätzen Edith Steins aus einem Vortrag des Jahres 1930: „Es gibt keinen Beruf, der nicht von einer Frau ausgeübt werden könnte. Keine Frau ist ja nur ‚Frau’, jede hat ihre individuelle Eigenart und Anlage so gut wie der Mann und in dieser Anlage die Befähigung zu dieser oder jener Berufstätigkeit, künstlerischer, wissenschaftlicher, technischer und anderer Art.“ Vermutlich ist es notwendiger denn je, an diesen Sachverhalt zu erinnern.

Während meiner Habilitationszeit habe ich an den Universitäten Mainz und Hannover gearbeitet und damit andere Fakultäten, andere wissenschaftliche Horizonte, andere Kollegen und auch Kolleginnen erlebt. Durch dieses wissenschaftliche Umherziehen ist mir aufgegangen, wie wichtig Netzwerke unter Kolleginnen sind, insbesondere in einem Fach, in dem frau nicht nur an der Universität, sondern auch in leitenden Gremien der Kirche „allein unter Männern“ ist. Die Konsequenz daraus war, dass ich mich frühzeitig für ein Frauennetzwerk in der Theologie engagiert habe, in dem sich von der gerade beginnenden Promovendin bis zur Professorin oder Ordinariatsrätin, von der Erwachsenenbildnerin bis zur Akademiedirektorin Frauen der unterschiedlichsten theologischen Berufsfelder zusammenfinden. Ohne dieses Netzwerk, das manchmal wie eine Oase in der Wüste ist, würde ich meine Arbeit nur mit halb so viel Schwung und mit erheblich geringerer Frustrationstoleranz leisten können. Und was mich darüber hinaus viele Belastungen des universitären Alltags ertragen lässt, sind die Begegnungen mit Studierenden und ihren sich immer verändernden Fragen.

Tatsächlich, Sie arbeiten über Frauenklöster?

Im Ruhrlandmuseum Essen und in der Bundeskunsthalle Bonn fand im Jahr 2005 eine große Ausstellung unter dem Titel „Krone und Schleier – Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“ statt. Parallel dazu gab es ein internationales und interdisziplinäres Kolloquium, auf dem deutlich wurde, welch eine Fülle an Fragen und Themen zu religiösen Frauengemeinschaften trotz aller Forschungen noch immer zu bearbeiten ist. Als ich vor zwanzig Jahren, 1985, mit meiner Dissertation über Frauenkonvente im merowingischen Gallien (5. bis 7. Jahrhundert) begann, habe ich von einer solchen Tagung nicht zu träumen gewagt. Wem auch immer ich erzählte, dass ich an einer Dissertation zur Geschichte mittelalterlicher Frauenklöster arbeitete, der / die reagierte zumeist einschlägig: „Ach ja, Hildegard!“ Meine Erwiderung, dass Hildegard nun beileibe nicht mein Thema sei, sondern ich fünf- bis siebenhundert Jahre früher ansetzen würde, wurde dann häufig mit mitleidigem Lächeln bedacht – ob sich denn ein solches Thema lohne, ob es überhaupt Quellen gebe, ob man solche Forschung nicht besser Ordensleuten überlassen solle.

Mit dem letzten Hinweis lagen die Gesprächspartner meist nicht so falsch – Ordens- und Klostergeschichte war bis in die siebziger Jahre hinein ein Forschungsgebiet, das nicht nur, aber überwiegend von Ordensmitgliedern betrieben wurde. Mehr noch, Forschung fand fast ausschließlich zu männlichen Konventen statt und wurde auch von männlichen Ordensleuten betrieben. Einige wenige versprengte Arbeiten aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und einige Versuche aus den 20er und den 50er Jahren griffen zwar auch Fragen der Frauenklöster auf, aber diese Ausnahmen bestätigten eher die Regel, dass Forschung zu religiösen Gemeinschaften eben Forschung über Männerkonvente war. In der Geschichte des Mönchtums kamen die Frauen schon im Begriff nicht vor.

Dass also im Jahr 2005 die genannte Ausstellung mit internationalem Kuratorium und in zwei renommierten Häusern stattfand, darf als Zeichen für einen Paradigmenwechsel in den Geschichtswissenschaften, auch in der Kirchengeschichte, betrachtet werden. Seit den 70er Jahren in den USA und spätestens seit den 80er Jahren auch in Deutschland war die Frage nach den Rollen, Funktionen und Möglichkeiten von Frauen in der Geschichte auch eine wissenschaftliche Frage, die zwar nicht gerade auf Begeisterung bei den meist männlichen Fachvertretern stieß, aber die nun auch im akademischen Rahmen gestellt werden konnte. Die beiden Bonner Historikerinnen Annette Kuhn und Edith Ennen gehören jede auf ihre Weise zu den Pionierinnen dieser neueren wissenschaftlichen Arbeiten.

Die Frage nach den Frauen in der Geschichte musste für das Mittelalter natürlich auch die Frage nach den Klosterfrauen stellen, denn immerhin war mit Hildegard von Bingen eine der berühmtesten Frauen des Mittelalters eben eine solche Nonne – und sie hatte Texte hinterlassen, Quellen! Auch für diejenigen eine unerlässliche Forschungsgrundlage, die mit ihrer Frage nach dem Geschlecht als historischer Kategorie das herkömmliche Gebäude der Geschichtswissenschaften nahezu auf den Kopf zu stellen schienen.

Zwei der AusstellungskuratorInnen haben im Katalog zu „Krone und Schleier“ noch einmal alle Stereotypen der Forschung zusammengestellt , die sich in den Geschichtswissenschaften seit dem 19. Jahrhundert über religiöse Frauen und ihre Häuser versammelt hatten: Versorgungsanstalt für überzählige, adelige Töchter - dilettantische Dichtung für lange Winterabende im Kloster - kindlich-ungelenke Sprache der Nonnenmalereien, sauber und fleißig, aber für die Kunstgeschichte ohne Bedeutung - Häuser religiösen Müßiggangs oder ähnliche Verdikte lassen sich über Frauenkonvente und ihre „Produkte“ oder ihre Lebensform finden. Nichts von diesen Verdikten ist heute mehr haltbar, sämtliche Vorurteile sind plausibel widerlegt. Statt dessen wird sichtbar, wie wichtig die Frauenkonvente, ihre literarischen und künstlerischen Produktionen und nicht zuletzt ihre Ausbildungs- und Erziehungsarbeit für die europäische Tradition waren.

In diesem Zusammenhang gewann im interdisziplinären Gespräch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und eben auch der Theologie auch die Religiosität der Sanctimonialen erstmals wieder einen eigenen Stellenwert: Ihre Frömmigkeit war nicht mehr nur die naive Verirrung kindischer Gemüter, sondern erhielt einen eigenen Stellenwert in der Entwicklung mittelalterlicher Religiosität. Gleichzeitig wurde ihre Frömmigkeit nicht auf das Geschlecht reduziert , sondern es geschah eine Ausweitung historischer Kriterien, in dem die Kategorie „Geschlecht“ einen eigenen Stellenwert im Geflecht historischer Erkenntnisse bekam. Was mir in diesem interdisziplinären Gespräch wichtig geworden ist und was meine eigenen Forschungen antreibt, das ist der Versuch, die dem Mittelalter eigenen Religionsformen in geschlechterdifferenter Perspektive aufzuspüren und begreiflich zu machen, wie Frauen und Männer in ihren jeweiligen Lebensformen diese Religiosität geprägt und gelebt haben. Wenn ich auf die immensen Fortschritte der Mittelalterforschung seit Beginn meiner Promotionszeit zurückschaue, bin ich sehr gespannt, welche Ergebnisse die nächsten zwanzig Jahre bringen werden.

(2005)

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