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Dr. Sabine Tröger

 

 

Troeger

 

 

 

Professorin für Geographie

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Mein Studium habe ich zunächst mit der Absicht begonnen, Gymnasiallehrerin mit den Fächern Englisch und Geographie zu werden. Diese Entscheidung war stark von meinem Elternhaus beeinflusst und geprägt. Ich stamme aus einem Lehrerhaushalt, und besonders für meinen Vater war der Lehrerinnenberuf mit all den gängigen Bildern und Vorstellungen das Richtige, besonders das Richtige für eine Frau! Diesen Vorstellungen habe ich mich zunächst gebeugt – obwohl ich eigentlich lieber Tierärztin oder Meeresbiologin geworden wäre.

Im Verlauf meines Studiums gab es noch keine „Auffälligkeiten“ mit Bezug zu meiner späteren Laufbahn. Ich war keine schlechte, aber auch keine herausragende Studentin. Meine Staatsexamensarbeit verfasste ich zum Thema „Der Einfluss von Nietzsche auf D.H. Lawrence“ – ein Thema, das noch keinen Bezug zu dem hat, was heute im Zentrum meines beruflichen Interesses steht. Auch im weiteren Verlauf meiner „Karriere“ hatte ich die Laufbahn einer Hochschullehrerin lange nicht im Blick. Meine Motive, mich immer intensiver für die Entwicklungschancen und -bedingungen der Menschen in Afrika zu interessieren, waren praktisch ausschließlich inhaltlich bedingt, gepaart mit einem gehörigen Schuss Reiselust und Faszination durch das „Fremde“.

Nach dem Abschluss des Referendariats 1985 wollte ich unbedingt die Hintergründe für die immer wieder im Unterricht bestätigte Feststellung verstehen lernen, dass junge Menschen, Schülerinnen und Schüler in Deutschland von entwicklungspolitischen Unterrichtsinhalten kaum „berührt“ werden. Ich bewarb mich an zwei Stellen um ein Promotionsstipendium, erhielt beide – und musste mich für eines von ihnen entscheiden. Zwei Monate nach Stipendienbeginn war eine Mitarbeiterstelle in der Fachdidaktik Geographie an der TU-Berlin ausgeschrieben – und so musste ich auch das zweite Stipendium aufgeben. Später dann promovierte ich zu dem Thema: „Das Afrikabild bei deutschen Schülerinnen und Schülern“ (erschienen in der Reihe: Sozialwissenschaftliche Studien zu internationalen Problemen Bd. 186 in Saarbrücken 1993) unter der fürsorglich-freundschaftlichen Betreuung meines Doktorvaters Professor Dr. Eberhard Kroß an der Universität Bochum, wo ich studiert hatte.

In Berlin – von 1986 an – schlug ich den Weg ein, der mich schließlich nach Bonn und in die Richtung der heutigen Tätigkeit als Hochschullehrerin führte. Durch meinen damaligen „Lebensabschnittspartner“ Dr. Theo Rauch, heute Professor a. o. der Geographie, wurde ich immer intensiver in Fragen der Entwicklungszusammenarbeit, also in Fragen der Entwicklungspraxis, regional verortet im Südlichen Afrika, und der Theoriediskussion in Entwicklungszusammenhängen eingebunden und schließlich dort auch gefangen gehalten.

Eine außerordentliche Förderung und Ermutigung, den mittlerweile eingeschlagenen Weg weiterzugehen, erfuhr ich dann in der zweiten Qualifikations-Phase, der Zeit als Hochschulassistentin in Bayreuth, durch meinen damaligen Chef Herrn Professor Dr. Dr. Helmut Ruppert, dem heutigen Präsidenten der Universität Bayreuth. Hier hatte ich die Freiräume, die ich für meine mehr als dreijährige Feldforschung für die Habilitationsschrift in Tansania benötigte. Mein „Vorgesetzter“ – und heute guter Freund – hielt alle Aufgaben außer der regulären vier Stunden Lehrverpflichtung von mir fern, erfüllte mir meine Wünsche nach Forschungsreisen und -aufenthalten und unterstützte mich ohne Einschränkung im Verlauf des Habilitationsverfahrens. Diese intensivste Phase der Qualifikation für meine heutige Tätigkeit mündete in einem Beitrag zur Nahrungskrisenforschung mit dem Titel „Handeln zur Ernährungssicherung im Zeichen gesellschaftlichen Umbruchs – Untersuchungen auf dem Ufipa-Plateau im Südwesten Tansanias“ (erschienen in der Reihe: Geographische Entwicklungsforschung Bd. 27, Saarbrücken 2004). Nach Abschluss des Habilitationsverfahrens im Jahr 2001 erhielt ich den Ruf nach Bonn und trat die Professur im März 2002 an.

Rückblickend bleibt mir die Einsicht, dass es mir ohne jene außergewöhnliche Förderung und Rücksichtnahme und zuweilen direkte Hilfe durch meine Betreuer, Freunde und auch durch meinen Mann Hartmut nicht gelungen wäre, meine Karriere mit Erfolg abzuschließen – besonders dann nach der Geburt meines Sohnes im Januar 1996. Die Anfertigung meiner Habilschrift fiel mit Max’ Säuglings- und Kleinkindzeit zusammen – ein Spagat, der damals schon schwierig war und der heute mit einem Viertklässler, der angeblich „aus dem Gröbsten schon raus“ ist, und der vollen Professur noch anstrengender geworden ist. Manches Mal habe ich mich gefragt, ob nicht die für mich zunächst durchaus ebenso attraktive berufliche Alternative, nämlich die Arbeit in entwicklungspraktischen Kontexten, die bessere, da lebbarere Wahl gewesen wäre. So habe ich mich nun für ein Leben entschieden, das in seinem Kern Schuld und ein schlechtes Gewissen in sich trägt, da ich keinem der zu bewältigenden Aufgabenbündel – entsprechend meiner zugegebenermaßen hohen Ansprüche – genügen kann.

Dennoch mag ich meinen Beruf sehr – die intellektuelle Herausforderung einer Diskussion „an der Forschungsfront“, die vielen – zuweilen schönen, auf jeden Fall aber faszinierenden – Erlebnisse und Einsichten im Lebenskontext der von mir besuchten und „beforschten“ Menschen in Afrika, die von mir so empfundene Freiheit, die das Wissenschaftlerleben zwischen den Kulturen für mich birgt, und auch die Auseinandersetzung und das gemeinsame Lernen mit den Studierenden, die unter meiner Betreuung und mit meiner Unterstützung ihre ersten Schritte in der Wissenschaft gehen oder sich allmählich in den entwicklungspolitischen Diskurs einleben und sich dort schließlich heimisch fühlen. Meine Aufgaben und Herangehensweise sind hierbei nicht explizit frauenspezifisch.

Wenn meine Betreuung der Studierenden und Doktoranden in mancher Hinsicht intensiver als bei einigen Kollegen ist, dann sehe ich darin ein persönlichkeits-, jedoch nicht gender-spezifisches Merkmal. Ebenso bietet die Laufbahn einer Hochschullehrerin meines Erachtens keine „spezifischen“ Chancen für Frauen. Es handelt sich vielmehr um all jene Chancen, die allgemein mit diesem Berufsfeld verbunden sind: Freiraum für eigenständiges und selbst bestimmtes Arbeiten – unter Inkaufnahme unausweichlich lauernder Gefahr von „freiwilliger Selbstausbeutung“! Auch halte ich meine Forschungsinteressen nicht für frauenspezifisch. Im Zentrum meiner Forschung steht die Frage nach der Bedeutung jener Prozesse des vehementen gesellschaftlichen Umbruchs – Transformation – , die in unserer Gegenwart die Gemeinschaften der Menschen im südlichen und östlichen Afrika erschüttern. Dieser Fokus ist nicht „spezifisch weiblich“.

Es geht um Demokratisierung, Emanzipation und Partizipation besonders solcher gesellschaftlicher Gruppen, die bisher strukturell „ohnmächtig“ waren. Zu diesen Gruppen zählen allerdings in praktisch jedem Fall die Frauen – wie auch die junge Generation –, welche sich in den indigenen Systemen der Machtverteilung in afrikanischen Gesellschaften der Dominanz und Kontrolle der Männer und Alten beugen mussten. Mit diesem Fokus konzentriere ich mich dann schon auf jene gesellschaftlichen Prozesse, die auch und besonders für Frauen ausschlaggebend sind. Durch kulturell-gesellschaftliche Tabus und Regulierungen der Kommunikation kann ich zudem auch Gespräche mit Frauen und Mädchen führen, die für männliche Kollegen nicht zu realisieren sind. An dieser Stelle, und fast nur hier, schleicht sich das „Frauenspezifische“ meiner hiesigen Rolle ein!

Gerade in der jüngeren gesellschaftlichen und in deren Gefolge auch wissenschaftlichen Diskussion wird der Frage nach der Bedeutung des allenthalben festzustellenden gesellschaftlichen Umbruchs immer mehr Beachtung entgegen gebracht. Muss dieser Umbruch zwangsläufig in einer „Katastrophe“, wie wir sie im Kontext der „failing states“ in Afrika beobachten können, münden, oder eröffnen sich den Menschen auch Pfade, die sie relativ unbeschadet aus einem klientelistisch-vertikalen Gesellschaftssystem afrikanisch-ethnischer Prägung zu einem demokratisch-horizontalen System führen, in dem zum Teil neue Akteure und zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Interessen artikulieren und durchsetzen können?

Wie und bis zu welchem Grad gelingt es den Akteuren dann in diesem Kontext, beziehungsweise unter welchen Bedingungen kann es ihnen gelingen, ihr Leben sicher zu gestalten – sicher vor dem Virus der Immunschwächekrankheit AIDS oder ernährungssicher trotz widriger Umstände wie Naturgewalten oder über politische Setzungen und Strukturen herbeigeführte Gewalten wie Verdrängung und Enteignung? Diesen Fragen habe ich mich bisher in meiner Forschung zugewandt und sie werden auch mein weiteres Arbeiten bestimmen. Regional werde ich meinen Schwerpunkt von bisher den Ländern des Südlichen Afrika wie Tansania, Malawi und Mosambik etwas weiter nach Norden, nämlich Äthiopien, verlagern.

Die Forschungsarbeiten werden im Rahmen der DFG-Förderung von Einzelinitiativen wie auch im Forschungsverbund (DFG-SFB) mit Kollegen der Universitäten Köln und Bonn durchgeführt beziehungsweise sind in Planung. Ferner ist eine Forschungsinitiative als Schwerpunktprogramm der DFG zusammen mit Kollegen der Universitäten in Bayreuth und Kiel in Planung. Zudem habe ich ein neues Forschungsfeld ins Auge gefasst, bei dem es um die Lebensgestaltung von Migranten aus Afrika hier in Bonn oder auch Köln und damit um die Frage einer Fragmentierung von Bevölkerungsgruppen in städtischen Räumen in Deutschland gehen soll.

Mein Interesse richtet sich jedoch nicht allein auf die Forschung: Meine Lehre in Bonn ist dezidiert handlungsorientiert angelegt. Studierende lernen in Praktika und ganzjährigen Projekten eigenständig und verantwortlich mit solchen Fragestellungen und Problemen umzugehen, die ihr späteres Berufsleben in der einen oder anderen Form begleiten werden. Sie erlernen Visualisierungs- und Moderationstechniken, die es ihnen erleichtern, sich und ihrer Meinung Gehör zu verschaffen und sich zu positionieren. Diese Ausbildung ist mir ein wichtiges Anliegen – und aus der positiven Rückmeldung und diesbezüglichen Anerkennung auf Seiten der Studierenden resultiert für mich Zufriedenheit und immer wieder Freude über meine berufliche Einbindung an der Universität Bonn und dem Geographischen Institut.

(2005)

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