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Dr. Una Roehr-Sendlmeier

 

 

Roehr-Sendlmeier

 

Professorin für Pädagogischen Psychologie 

Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie

Homepage und Kontakt

 

 

Wissenschaftlicher Werdegang
  • Nach dem Abitur Studium der drei Hauptfächer Psychologie, Erziehungswissenschaft und Anglistik in Bonn, Zürich und Berlin.
  • 1980 Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Anglistik und Erziehungswissenschaft mit einer Arbeit zu den Kindergestalten in Shakespeares historischen Dramen.
  • 1983 Diplom in Psychologie mit einer Arbeit zur Entwicklung türkischer Schulanfänger in deutschen Schulen.
  • 1985 Promotion mit einer Dissertation zum Zweitsprachenerwerb.
  • 1989 Habilitation mit einer Schrift zu Möglichkeiten der kulturübergreifenden Beurteilung des kognitiven Entwicklungsstandes.
  • 1988 bis 1990 Wissenschaftliche Angestellte bei der Akademie der Wissenschaften zu Berlin (West); Leitung eines Projekts zum Lernen im Beruf.
  • 1990 Berufung auf die Professur “Erziehungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Pädagogischen Psychologie” am Institut für Erziehungswissenschaft der Philosophischen Fakultät als erste Hochschullehrerin an diesem Institut.
  • Seit 2002 Leitung der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie.

 

Persönlicher Werdegang

Durch mein zweisprachiges Elternhaus und durch längere Aufenthalte in Irland, den USA und im Nahen Osten, wo ich Flüchtlingskinder im Auftrag der UNESCO betreute, entstand der Wunsch, mich mit psychologischen und pädagogischen Themen zu beschäftigen, die Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten betreffen. Meine Ausrichtung auf eine wissenschaftliche Zugangsweise zu diesen Phänomenen wurde stark beeinflusst durch meine Förderung durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes während des Studiums und der Promotion. Weitere Nachwuchsförderungen und verschiedene Lehrtätigkeiten, insbesondere die Urlaubsvertretung einer Professur nach meiner Promotion, stärkten meinen Wunsch, im universitären Bereich weiterzuarbeiten. Ich wusste, dass dies nur mit maximalem Einsatz zu schaffen sein würde und richtete entsprechend alle meine Energien auf Forschungsprojekte, Vorträge und Publikationen aus. Mein Mann, der ähnlich intensiv wissenschaftlich arbeitete und heute einen Lehrstuhl in Berlin inne hat, akzeptierte dies nicht nur, sondern unterstützte mich auch immer aktiv darin, die Ziele zu erreichen, die ich mir jeweils gesteckt hatte. Dies war sicherlich entscheidend dafür, dass ich als Frau im harten Wissenschaftsbetrieb bei allen Widrigkeiten durchgehalten habe. Dazu gehörte auch, die räumliche Trennung zwischen Arbeitsort und privater Eingebundenheit in Kauf zu nehmen.

Nach meiner Berufung zur Professorin – mein Mann und ich waren nach sieben Jahren des Pendelns für wenige Jahre gemeinsam in Bonn – empfand ich es als großes Glück, zum beruflichen Erfolg auch noch Kinder zu bekommen. Dass es gleich drei waren, befremdete so manchen meiner Kollegen, denen die Bewältigung der doppelten Belastung als Professorin und Mutter völlig unmöglich erschien. Tatsächlich erfordert meine zweifache Aufgabe ein hohes Maß an Flexibilität in der Organisation und Konzentration. Der Preis, den ich für das gleichzeitige Engagement in Forschung und Lehre und als aktiv erziehende Mutter unserer drei Söhne zahle, ist schon seit Jahren der weitgehende Verzicht auf das, was andere ‚Freizeit’ nennen. Trotz zahlreicher Strapazen kann ich aber retrospektiv sagen, dass es sich gelohnt hat, Beruf und Familie anzustreben. Das Gedeihen der Kinder zusammen mit der beruflichen Anerkennung, die ich erfahre, ist die Grundlage für ein ausgewogenes Lebensgefühl. Die Erfahrungen, die ich in den unterschiedlichen Lebenswelten sammle, begeistern mich immer wieder. Ganz generell zeigt meine Erfahrung: Ohne Begeisterungsfähigkeit sind Höchstleistungen nicht möglich!

Inhalte der wissenschaftlichen Arbeit

Die Themen meiner wissenschaftlichen Arbeiten betreffen in unterschiedlichen Facetten das Lernen über die gesamte Lebensspanne. Forschungsfragen und Publikationen behandeln den frühkindlichen Erstspracherwerb, die kognitive Entwicklung und den Zweitsprachenerwerb im bikulturellen Kontext, die vorschulische Förderung der Kreativität, den Schriftspracherwerb in der Grundschule, entwicklungsbegünstigende Faktoren psychomotorischer Förderung, die Medienerziehung in der Familie, das Lernen im Beruf, Auswirkungen der mütterlichen Berufstätigkeit, die Weiterbildung im mittleren und höheren Erwachsenenalter sowie die inzidentelle Lernfähigkeit in verschiedenen Lebensaltern. Fragen der Persönlichkeitsentwicklung habe ich vorrangig für das Jugendalter und unter dem Aspekt des Kulturkontakts behandelt.

Meine Projekte wurden vielfach mithilfe von Drittmitteln (u.a. durch die DFG, die Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Bundes- und Landesministerien) gefördert. Die Breite der wissenschaftlichen Themenstellungen, zu denen ich geforscht und publiziert habe, führte dazu, dass ich von einem sehr renommierten Fachverlag aufgefordert wurde, ein neues Lehrbuch für die Pädagogische Psychologie zu konzipieren, und ich in das Herausgebergremium der interdisziplinären Zeitschrift „Bildung und Erziehung“ gewählt wurde. Regelmäßig werde ich als Gutachterin für Forschungsvorhaben, für Manuskripte für Fachzeitschriften und für die Nachwuchsförderung herangezogen. Seit einigen Jahren bin ich als wissenschaftlicher Beirat für die Bereiche der Begabtenförderung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter sowie für Maßnahmen der Alphabetisierung im Erwachsenenalter tätig.    

Inhaltlich hervorheben möchte ich die Entwicklung einer Sprachstandsmessung für Grundschüler nach linguistischen, entwicklungspsychologischen und testtheoretischen Gesichtspunkten, die sich auch in Forschungsprojekten und Evaluationen anderer Wissenschaftler so gut bewährte, dass sie in verschiedenen Bundesländern zur Anwendung empfohlen wurde. Die Ergebnisse meiner Längsschnittstudie zum Zweitsprachenerwerb bei Migranten bewirkten, dass ausländische Kinder eher gemeinsam mit deutschen Schülern unterrichtet werden. Im Bereich des Zweitsprachenerwerbs bin ich erst kürzlich um die wissenschaftliche Evaluation eines Ansatzes zur Frühstförderung im Längsschnitt gebeten worden. Dies ist nicht zuletzt auf mein sehr positiv aufgenommenes Buch zur Wirksamkeit von frühen Lernangeboten in Familie, Kindergarten und Schule zurückzuführen.

Stärker der Grundlagenforschung zuzuordnen sind meine Studien, in denen ich das Phänomen des inzidentellen Lernens erforsche. In vergleichenden Untersuchungen unterschiedlicher Lernmodi mit jeweils demselben komplexen sprachlichen und visuellen Material konnte ich belegen, dass sich inzidentelles Lernen von anderen Lernformen abgrenzen lässt. Inzidentelles Lernen erfolgt beiläufig und erlaubt dem Lernenden, aus zufällig sich bietenden Gelegenheiten einen Wissenszuwachs zu ziehen. Dies ist für die Alltagsbewältigung von hoher Bedeutung. Insofern ist es sehr ermutigend, dass ich in weiteren Studien dokumentieren konnte, dass ältere Menschen noch bis in die Mitte des achten Lebensjahrzehnts sehr gut inzidentell lernen können, wenn sie sich – z.B. durch Weiterbildung – geistig aktiv gehalten haben. Unter einer geschlechtsspezifischen Perspektive zeigte sich, dass Männer vom mittleren Erwachsenenalter an, etwa ab dem Alter von 35 Jahren, enger Interessen geleitet inzidentell lernen als Frauen, deren Lernerfolg sich auf breiter gefächerte Inhaltsbereiche erstreckt.

Meine Forschungsinteressen habe ich nie losgelöst von meiner Lebenssituation gesehen. Dass ich Themen wissenschaftlich bearbeiten kann, die mich auch im außeruniversitären Leben bewegen, erlebe ich als besonderes Privileg. Ganz deutlich wird dieser Bezug in meinem aktuellen Forschungsschwerpunkt zur mütterlichen Berufstätigkeit. In Untersuchungen bei über 1.500 Familien konnte ich nachweisen, dass die Berufstätigkeit einer gut ausgebildeten Mutter keineswegs ein hemmender, sondern im Gegenteil ein förderlicher Faktor für die schulischen Leistungen ihrer Kinder ist. Die Wertorientierungen gut qualifizierter, berufstätiger Mütter sind stark geprägt durch eine erhöhte Leistungsmotivation und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und sich in einem Team einzubringen. Dabei sind sie in anspruchsvollen gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Kindern nicht weniger engagiert als nicht berufstätige Mütter. Die mütterliche Berufstätigkeit kann zu veränderten Aufgabenverteilungen in der Partnerschaft führen. Das Engagement des Vaters in Haushalt und Familie und elterliche Einstellungen zugunsten einer gleichberechtigten Kindererziehung begünstigen egalitärere Rollenvorstellungen vor allem der Söhne darüber, welche Tätigkeiten als typisch „männlich“ bzw. „weiblich“ anzusehen sind. Eine ergänzende Studie zum Wandel der Geschlechtsstereotype in den letzten 50 Jahren erbrachte, dass das Stereotyp von „Männlichkeit“ weniger extrem geworden ist. Das Stereotyp von „Weiblichkeit“ ist dagegen viel diversifizierter geworden. Frauen wird heute ein weit größeres Spektrum der Selbstverwirklichung zugestanden als Männern. Diese Ergebnisse dürften jungen Frauen Mut machen, sowohl ihre beruflichen Aspirationen als auch ihren Wunsch nach einer Familie ernst zu nehmen, ohne Nachteile für die Kinder befürchten zu müssen.

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