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Dr. Sabine Mainberger

Mainberger

Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft

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Schon in den Jahren des Gymnasiums hatten sich bei mir einige Interessen klar in den Vordergrund geschoben: Literatur, bildende Kunst, Philosophie – das waren die Dinge, für die ich Feuer und Flamme war und viel Zeit und Energie einsetzte. Als ich die Fächer meiner Wahl zu studieren begann, war ich allerdings bald enttäuscht. Grund dafür war v.a. der chaotische und weitgehend anonyme universitäre Massenbetrieb, in dem Initiative und Engagement einfach nur unterzugehen drohten. Auch ähnlich gesonnene andere Studierende zu finden, war unter diesen Umständen nicht einfach. Das Studium war kaum strukturiert und bot extrem wenig Orientierung. Aber der Nachteil der völlig überlaufenen geisteswissenschaftlichen Fächer fand einen gewissen Ausgleich dadurch, dass man Zeit hatte – Zeit, sich zu verirren und sich, wenn auch langsam, seinen Trampelpfad zu treten. Sechs Semester – die Dauer eines heutigen BA-Studiums – führten bestenfalls zum Anfang eines nun wirklich so zu nennenden Studiums. Denn erst dann ahnte man, worum es gehen und was man von dieser seltsamen Einrichtung namens Universität mit ihren bizarren Personen namens Professoren haben könnte. Diese Phase, heute die Semester im Master, nehmen jetzt vergleichsweise wenige Studierende wahr. Dabei wäre sie die eigentlich produktive.

Bei allen Widrigkeiten der Situation habe ich in jenen Jahren nie die Überzeugung verloren, dass das, was mich faszinierte, etwas ungeheuer Wichtiges sei, auch und vielleicht gerade, weil es keine Aussicht auf Broterwerb, Etablierung in einem Beruf, einer sozialen Position und dergleichen gewährte. Wie vielen anderen damals waren mir diese Dinge herzlich gleichgültig. Karriereplanung, Selbstvermarktung, Bewerbungstraining – den Philosophie und Literatur Studierenden war die Verachtung dafür Ehrensache. Waren wir eine privilegierte Generation? Wir lebten von einem Minimum an Geld, schwelgten aber, den Kopf in den Wolken, im Luxus (scheinbar) unbemessener Zeit. Es war wohl eine Mischung aus enormer Naivität und jugendlicher Hybris, die damals zusammentraf mit dem politischen Willen, hohe Arbeitslosenzahlen dadurch zu kaschieren, dass Studierende fast beliebig lange an der Universität verbleiben konnten. In den Hinterhofwohnungen im Berlin vor der Wende hauste eine studentische Bohème, die ihr endloses Gespräch mit den großen Denkern kultivierte und Doktorarbeiten zu Lebenswerken ausspann.

Ich ergriff nach dem Magister die Gelegenheit, ein Lektorat an einer italienischen Universität zu übernehmen. Neben diesem Job wollte ich promovieren. Die geplante Arbeitsteilung erwies sich jedoch als nicht durchführbar, und die Selbstspaltung in eine nicht eben anregende Tätigkeit und den Versuch, ohne Anbindung, Austausch und unter ungünstigen Bibliotheksbedingungen eine Dissertation anzufertigen, erwies sich zunehmend als Behinderung. Nach Deutschland zurückgekehrt, bekam ich völlig unerwartet meine damalige Traumstelle: Ich wurde wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl für Philosophie mit Schwerpunkt Kunsttheorie und Ästhetik. Er gehörte zu einem Fachbereich Kunst, d.h. bestenfalls halb zu einem akademischen Milieu, in der anderen Hälfte wurde Kunst nicht nur post festum analysiert, sondern aktuell hervorgebracht. Ich schwamm auf einer Glückswoge – bis sich zeigte, dass es alles andere als einfach war, in diesem (wissenschaftsfernen und z.T. auch -feindlichen) Ambiente zu promovieren. Als die Dissertation schließlich geschafft und mein Vertrag ausgelaufen war, ging ich wieder nach Berlin, nun mit dem Ziel zu habilitieren. Zwei Stipendien in Folge, eines zur Frauenförderung und eines von der DFG, haben mir die Arbeit an der Habilitationsschrift erlaubt. Der Schritt in diese Richtung war für mich mit einem Fachwechsel verbunden: von der Philosophie zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. In der Sache schien mir das nicht weiter problematisch, gibt es doch genügend fruchtbare Reibung zwischen beiden Feldern, im Hinblick auf meine weitere Zukunft aber erwuchsen aus dem Wechsel doch mehr Schwierigkeiten als vermutet.

Nach der Habilitation hatte ich glücklicherweise immer wieder sehr gute Möglichkeiten zu Lehrstuhlvertretungen und Gastprofessuren. Für zwei Jahre bezog ich auch ein Forschungsstipendium der DFG. Damit habe ich – fern vom Thema der Dissertation wie von dem der Habilitationsschrift – ein weiteres Buch geschrieben, in dem sich mein Interesse für bildende Kunst und ihre Geschichte endlich professionell mit meinen literaturwissenschaftlichen, philosophischen und nun auch wissenschaftsgeschichtlichen Interessen verbinden konnte. Zwei Jahre widmete ich mich dieser Studie fast ausschließlich, davor und danach war ich zwar in der Lehre tätig, aber doch wenig belastet mit den vielen anderen Arbeiten, die ein Lehrstuhl bedeutet. Heute weiß ich, was für ein Geschenk das ist!

Einen wirklichen Lehrer oder ein Modell, dem ich gefolgt wäre, hatte ich nicht; ich eigne mich nicht zur ‚Schülerin‘. Professoren haben mich auf verschiedene Weise gefördert, aber ich habe von dieser Seite auch eine skeptische Haltung dem Wissenschaftsbetrieb gegenüber kennengelernt; wohlmeinend hatte man mir nicht dringend dazu geraten. Das verstärkte meine eigene Ambivalenz genauso wie die Jahre auf Stipendienbasis und die auf der Schwelle zwischen institutioneller In- und Exklusion. Aber warum nicht einen etwas fremden und manchmal befremdeten Blick auf die Universität haben?

Das Fach Komparatistik stand nicht von Anfang an auf meiner Agenda, aber es bedeutete dann für mich neben der Herausforderung, mit Literatur aus mehreren Sprachen umzugehen, anspruchsvoller Theorie und Brückenschlägen zu anderen Künsten und Wissensfeldern vor allem Freiraum für Themen, die in keine Schublade passten. Ich habe mich eigentlich immer mit Gegenständen beschäftigt, die mir am Herzen lagen; wie man das nennen würde, was ich trieb, schien mir dagegen sekundär. Entscheidend war, dass ich suchen und (mich) versuchen konnte. Seit einigen Jahren habe ich nun eine Professur für Vergleichende Literaturwissenschaft. In einem so kleinen Fach wie diesem mit sehr wenigen Stellen war nicht unbedingt zu erwarten, dass es so kommen würde.

Nachwuchswissenschaftlerinnen sind heute in einer anderen Situation. Die Universität hat sich enorm verändert, und auch die Einstellungen zu Studium, Beruf, Lebensplanung, Zukunft etc. sind weit entfernt von der meiner Generation. Aber sicher ist es auch heute nicht falsch, beharrlich bei dem zu bleiben, was man wirklich gern möchte und sich die Leidenschaft dafür um keinen Preis abkaufen zu lassen.

 

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