Sie sind hier: Startseite Perspektive Wissenschaft Professorinnen Kerstin Stüssel

Kerstin Stüssel

 Stüssel

 

Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Homepage und Kontakt

 


geb. 1962 in Bielefeld, Abitur ebd., Studium der Fächer Germanistik, Geschichtswissenschaft, Philosophie in Göttingen, Bielefeld, London, Köln

Studien- und Promotionsförderung durch das Ev. Studienwerk, verheiratet, ein Kind.

 

1987
Magister Artium (Universität Bielefeld) mit einer Arbeit zu Georg Christoph Lichtenbergs autobiographischen Bemerkungen.

1992
Promotion zum Dr. phil. (Universität zu Köln) mit einer Arbeit zu Autobiographik und dichterischer Ausbildung ‚um 1800’.

2002
Habilitation; Erteilung der Venia Legendi für Neuere deutsche Literatur (TU Dresden) mit einer Arbeit zu Literatur und Bürokratie zwischen früher Neuzeit und Gegenwart.

2002
Verleihung der Lehrbefugnis für Neuere deutsche Literatur, Ernennung zur Privatdozentin (TU Dresden)

1992-1994
Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Sprache und Literatur, Universität zu Köln

1994-1997
Geschäftsführende Leiterin des Zentrums für Interkulturelle Forschung, Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, Technische Universität Dresden

1997-2001
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik, Fakultät für Sprach-, Literatur und Kulturwissenschaft, TU Dresden, (Habilitationsstelle, finanziert durch die Volkswagenstiftung)

2001
Gastdozentin am Germanistischen Institut der Universität Wroclaw/Polen

2001-2004
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik, Transdisziplinärer Studienschwerpunkt Gender Studies, Fakultät für Sprach-, Literatur und Kulturwissenschaften, TU Dresden (SMWK)

2005-2008
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik, Transdisziplinärer Studienschwerpunkt Gender Studies, Projektleiterin Qualifizierungsprogramm Gender Studies und des Mentoring-Programms Kulturkarrieren, TU Dresden (SMWK)

ab 01/2008 Projektleitung DFG-Projekt ,Realistische Anthropologie‘

2008/2009
Lehrstuhlvertretung Fachbereich 3, Universität Siegen (NF Schnell)

2009/2010
Leiterin des DFG-Projekts (eig. Stelle) ‚Realistische Anthropologie’

2010-heute
Professur Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte:

Gegenwartsliteratur, deutschsprachige Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, autobiographisches Schreiben, Theorie der Autorschaft, Gender Studies... 

 

Wenig ist aus diesen dürren Daten zu lernen, und auch eine ausführlichere Erzählung hülfe nicht viel weiter: Moderne Lebensläufe sind keine Fälle von Regeln und fordern auch nicht zur Nachahmung auf. Als diejenige, die um Auskunft über ihren ‚Erfolg’ in der Institution Universität gebeten wird, kann ich mir nur einige Zusammenhänge im Nachhinein ‚zurechtlegen’. 

Akademische Karrieren in meinem Fach sind Drahtseilakte, die man lieben muß wie die Poesie, die Komplexität, die Logik,  das Suchen und Finden, die Widersprüchlichkeit, den Zufall... 

Ob und wie Geschlecht und soziale Herkunft und gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen gehemmt und gefördert und gedrängt haben, vermag ich nicht im einzelnen zu rekonstruieren: Meine Kindheit und meine Herkunftsfamilie glaube ich neuerdings mit manchen Liedern von Rainald Grebe über das Westdeutschland der 60er und 70er Jahre besser zu verstehen. Als Tochter ehrgeiziger, gutverdienender Eltern, die ‚nur’ die achtklassige Volksschule besucht hatten (Mutter: Näherin/Hausfrau, Vater: Nähmaschinenmechanikermeister/technischer Angestellter) saßen mir Ehrgeiz und Angst gleichermaßen im Nacken. Ich habe vage gespürt und nicht analysieren wollen, wovon ich wegwollte und –sollte, dass das Gymnasium und die Universität gesellschaftlicher und familiärer Auftrag waren, die zugleich familiäre Loyalitäten in Frage stellen konnten. 

Frühe, ‚wilde’ Leseerfahrungen speisten sich aus dem vom Bertelsmann Lesering bestückten Bücherregal meiner Eltern und aus der Bielefelder Stadtbibliothek. Lehrer und Hochschullehrer haben mich in der Schule, auf der Uni und während der wissenschaftlichen Berufstätigkeit ermutigt und bestätigt und unterstützt. Und doch habe ich immer wieder gespürt, dass ich hineinwollte, wo ich mich nicht auskannte, wo vieles rätselhaft war. Ich war oft zu ängstlich und zu stolz, um Rat und Hilfe anzunehmen, um mich ‚zu zeigen’ und manchen Bluff zu durchschauen. 

„Ihre Zahl ist Frevel“. Mit diesem nicht ganz korrekt verwendeten Stefan George-Zitat wurden wir als Studienanfänger in Göttingen begrüßt; das hat mich eingeschüchtert und furchtbar geärgert und meinen kleinbürgerlichen Einzelkämpfernerv getroffen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, mich halbwegs auszukennen und den Ansprüchen mehr als standzuhalten, und die Unsicherheit ist mir in Bewerbungs- und Auftrittsituationen wieder ‚auf die Füsse gefallen’. 

Ein Zeitungsaufsatz von Hannelore Schlaffer hat mir für die Geschlechterasymmetrien an der Universität und ihre kulturellen Voraussetzungen die Augen geöffnet: Sie sind u.a. dafür verantwortlich, dass man sich als Frau an der Uni oft so fühlte, wie das Mädchen, das nicht mehr mit den Jungs Fußball spielen kann/darf. (FAZ vom 12.12.1987, Bilder und Zeiten, S. 2)

Gender Studies, gegen die ich mich lange als sexistische Zumutung gewehrt habe, sind natürlich kein persönliches und auch kein unmittelbar politisches Hilfsmittel, aber sie sind eine intellektuelle Herausforderung, die die Komplexität und die Genese kultureller Verfassungen von Geschlecht zu reflektieren erlaubt. Und das ist m.E. notwendige Voraussetzung, um die Möglichkeiten und Grenzen von Interventionen (z.B. Mentoring) in diesem Feld beurteilen zu können.

Verschiedene Universitäten und unterschiedliche wissenschaftliche und professionelle Kulturen kennengelernt zu haben, scheint mir wichtig zu sein. Es verhilft, nach der gehörigen Irritation, zu Geduld und Gelassenheit, verhindert aber auch die manchmal nötige Entschiedenheit. Allerdings ist mir ziemlich deutlich, welchen akademischen ‚Vorbildern’ ich nicht nacheifern werde. Daß das nomadische, akademische Prekariat nur eine biographische Etappe sein sollte, ist richtig und leicht gesagt, aber kaum verallgemeinernd zu regeln (vgl. die Problematik der befristeten Verträge im Wissenschaftsbereich), eben so wenig, wie die berüchtigte Vereinbarkeitsfrage, die zum Glück inzwischen auch Männern gestellt wird.

Nach langen Lehr- und Wanderjahren bin ich im für mich – immer noch - schönsten Beruf der Welt angekommen; es hätte auch anders kommen können.

 

Artikelaktionen