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Dr. Nina Dethloff

 

 

Dethloff

 

 

 

Professorin für Bürgerliches Recht,
Internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung und Europäisches Privatrecht

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Persönliches

Rechtswissenschaft habe ich studiert, weil ich mich für Menschen interessiere, Menschen und ihre Konflikte. Das Recht hält Lösungen für solche Konflikte bereit, die einen gerechten Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen herbeiführen sollen. Besonders spannend fand und finde ich es, die Lösungen, die unser Recht vorsieht, mit denen anderer Länder zu vergleichen: während des Studiums in Genf, nach dem Examen mehrfach in Washington, D.C., und während meines Referendariats in Buenos Aires. Die Rechtsvergleichung ist seither aus meinem wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr wegzudenken.

Nach dem Examen war mir klar, dass ich promovieren wollte, um mit der nötigen Ruhe gründlich einer Frage nachgehen zu können. Ich entschied mich für ein Thema aus dem Bereich des Familienrechts, einem überaus spannenden und dynamischen Rechtsgebiet, das heute in Deutschland trotz seiner wachsenden Komplexität in einem – auch in den persönlichen Beziehungen – zusammenwachsenden Europa wie auch seiner immensen praktischen Bedeutung gegenüber dem Wirtschaftsrecht weniger wissenschaftliche Aufmerksamkeit findet.

Natürlich war die Arbeit rechtsvergleichend ausgerichtet. An eine wissenschaftliche Laufbahn habe ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht gedacht. Vielleicht lag das auch daran, dass ich während meines gesamten Studiums nie eine Professorin in einer Veranstaltung erlebt hatte. Weder in Hamburg noch in Freiburg, wo ich studiert habe, gab es Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts an den juristischen Fakultäten Hochschullehrerinnen. Erstmals erwogen habe ich dies erst, als mir mein Mentor in den USA, Professor Warren Schwartz, von der Georgetown University nach meinem LL.M.-Studium riet, in den USA eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Obwohl die Zeit in den USA zu den anregendsten Zeiten in meiner Ausbildung zählt, wollte ich auf Dauer nicht dort bleiben, zumal ich kurz vor dem Aufbruch in die USA meinen Mann kennen gelernt hatte.

Nach Abschluss meiner Dissertation hatte ich auch aufgrund meiner Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Freiburg ein viel konkreteres Bild von der Arbeit in Forschung und Lehre – und konnte mir diese auch für meine Zukunft vorstellen. So entschied ich mich für die Habilitation, und beschloss eine Arbeit mit einem Schwerpunkt im Wirtschaftsrecht zu schreiben, allerdings wiederum mit Blick über die Grenzen hinaus in Richtung Europa. Gleich nach der Habilitation habe ich Rufe nach Hamburg und Bonn erhalten. Die Arbeit als Professorin an der Universität Bonn, wo ich seit fast fünf Jahren lehre, hat meine Erwartungen ganz erfüllt. Kaum ein anderer Beruf ist so vielseitig und gewährt einem so viel Freiheit. In der Lehre treffe ich auf junge Menschen mit vielfältigen Interessen, die sich für spannende wissenschaftliche Fragen begeistern lassen. Die Themen, die man oder frau erforschen möchte, werden nicht von Mandanten vorgegeben oder durch den Eingang von Akten, sondern selbst bestimmt. Meinem Forschungsinteresse entsprechend habe ich im Jahr 2003 in Bonn das Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht gegründet.

Aber auch die Freiheit, den Arbeitsalltag nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ist erheblich größer als in vielen anderen juristischen Berufen. Die zeitliche Flexibilität hat unser Leben mit Kindern erleichtert, obwohl es nicht immer einfach war, Beruf und Familie zu vereinbaren. Vor allem als unsere Kinder noch kleiner waren – heute sind sie 10 und 12 Jahre – waren die Herausforderungen an Einsatzbereitschaft und Organisationsvermögen besonders groß. Ich bin froh, dass ich mein wissenschaftliches Leben dem Familienrecht widmen kann, in meinem Leben sonst aber auch noch Raum für meine Familie ist.

Forschung

Seit 2003 bin ich Direktorin des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht an der Universität Bonn. Der Name ist Programm. Vielen ist das deutsche Familienrecht mit seinem Zerrüttungsprinzip im Scheidungsrecht oder der güterrechtlichen Zugewinngemeinschaft bekannt und vertraut. Was aber hätte man sich unter einem einheitlichen europäischen Familienrecht vorzustellen? Wie kann es gelingen, die teilweise sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Ehe und Familie unserer europäischen Nachbarn unter einen Hut zu bringen?

In der europäischen Privatrechtswissenschaft gehen wir diese Fragen in kleinen Schritten an. Ein Beispiel: Seit 2002 bin ich Mitglied der die Expert Group der Commission on European Family Law. Diese hat im Jahre 2004 sog. Principles, d.h. also Musterregelungen, im europäischen Scheidungs- und Unterhaltsrecht veröffentlicht. Sie sind das Ergebnis umfangreicher rechtsvergleichender Studien, auf deren Basis wir den jeweils kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den unterschiedlichen Familienrechtsordnungen ermittelt haben.

In eine andere Richtung geht ein neues Forschungsvorhaben, das ich seit 2007 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft verfolge. Es handelt sich um die Entwicklung eines neuen Rechtsinstruments „Europäische Ehe“, das Paare, deren Beziehung aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder ihres Aufenthaltes einen internationalen Bezug aufweist, wählen könnten. Dies hätte den Vorteil, dass ihre Ehe in ganz Europa einheitlichen materiell-rechtlichen Regelungen unterliegen würde. Die Ehepartner hätten mithin vom Beginn ihrer Ehe an die Gewissheit, dass ihre Beziehung die von ihnen gewünschten Wirkungen entfalten würde, und, im Falle eines Scheiterns, nach den ihnen bekannten Vorschriften der Europäischen Ehe wieder aufgelöst werden könnte. Gegenwärtig sind transnationale Paare noch einer großen Vielfalt von einzelstaatlichem Familienrecht ausgesetzt. Die Konsequenz sind eine für Laien kaum zu bewältigende Unübersichtlichkeit und dadurch bedingte Rechtsunsicherheit. Hinzu kommt, dass im Ernstfall, z. B. bei einer Scheidung, mit Hilfe des so genannten Kollisionsrechts zunächst ermittelt werden muss, welches nationale Recht auf den jeweiligen Sachverhalt eigentlich anwendbar ist.

Auf dieser Ebene gibt es in jüngster Zeit Bestrebungen der Europäischen Union, die bisher ebenfalls divergierenden Vorschriften des nationalen Kollisionsrechts zu vereinheitlichen. Letztlich kann damit aber nur erreicht werden, dass die Eheleute im Einzelfall leichter vorhersehen können, welches nationale Recht auf ihren konkreten Sachverhalt Anwendung findet. Eine Sicherheit, dass dieses Recht dauerhaft, d.h. etwa auch nach Verlegung ihres Wohnsitzes, gilt bzw. eine Garantie, dass es ihren Bedürfnissen am besten entspricht, ist damit nicht verbunden. Eine „Europäische Ehe“, wie ich sie derzeit konzipiere, ist daher eine notwenige Ergänzung zu der angestrebten Vereinheitlichung des Kollisionsrechts. Sie ist geeignet, die bestehenden Hindernisse für internationale Familien zu beseitigen und kann dazu beitragen, eine gemeinsame europäische Rechtskultur zu schaffen.

(aktualisiert Mai 2009)

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